Breites Spektrum an Neonazigruppen im Netz
So genannte rechtsextreme Kameradschaften bilden innerhalb des neonazistischen Spektrums keine homogene Szene. Derzeit gibt es eine Vielzahl an rechtsextremen Aktivisten, die sich unter diversen Selbstbezeichnungen lokal organsieren und teilweise miteinander vernetzen. Sie nennen sich Kameradschaft, Nationaler Widerstand, Aktionsgruppe, Nationale Sozialisten, Autonome Nationalisten, Freie Kräfte oder auch Bürgerinitiative. Die Gruppen lehnen feste und damit angreifbare Strukturen ab. Und sie nutzen das Internet immer stärker, um Jugendliche multimedial für ihre rechtsextreme Erlebniswelt zu gewinnen.
Ansprache und Mobilisierung von Jugendlichen
Kameradschaften verfolgen vielfältige Strategien, um neue Anhänger zu mobilisieren. Ihre Webangebote zielen nie nur auf die Cyberwelt, sondern bieten immer auch konkrete Kontakte und Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten. Sie locken mit bunten Bannern oder Videos, appellieren an das Gemeinschaftsgefühl und motivieren unter dem Motto "Werde aktiv in Deiner Stadt" zum Einsatz für die vermeintlich gute Sache. Auch Freizeitangebote sind Bestandteil dieser rechtsextremen Erlebniswelt.
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Zuletzt waren aus diesem Umfeld mehr als 380 Websites online — Tendenz steigend. Die Ausrichtung an der Lebenswelt Jugendlicher, die zunehmende Werbung im Web 2.0 und die bisweilen subtilen rechtsextremen Botschaften machen diese Szene besonders jugendschutzrelevant.
Nationalsozialistische Leitbilder modern verpackt
Kennzeichnend für weite Teile der Kameradschaftsszene ist der Rekurs auf nationalsozialistische Leitbilder. Die Gruppen propagieren beispielsweise einen hierarchischen Nationalstaat nach dem Führerprinzip, die Abschaffung der pluralistischen Wertegesellschaft oder den Schutz der deutschen Kultur vor vermeintlich schädlichen Einflüssen durch Fremde. Im Zentrum ihrer Forderungen steht dann auch, verwoben mit rassistischen und antisemitischen Botschaften, die Abschaffung der Demokratie.
Trotz dieser Rückwendung geben sie sich keineswegs altbacken, sondern verpacken ihre ideologische Ausrichtung in moderne Websites. Vor allem auf Seiten der Autonomen Nationalisten findet sich alles, was jugendlichen Usern auch auf anderen "hippen" Websites geboten wird: Eine ansprechende Mischung aus Videoclips, Bildern, Download- und Mitmachmöglichkeiten. Dabei geht es den Betreibern nie nur um Spaß und Unterhaltung, sondern immer auch um die Vermittlung menschenverachtender Einstellungen. Diese sind oft schwer zu entlarven und durch positiv besetzte Begriffe getarnt – die rechtsextremen Botschaften erschließen sich nicht unmittelbar.
Anleihen aus anderen Jugendszenen
Die Kameradschaftsszene greift immer wieder Symbole, Slogans und Aktionsformen anderer Jugendszenen auf und verschleiert damit den Blick auf ihre rassistische und antidemokratische Gesinnung. Auch dies zeigte sich in den letzten beiden Jahren am deutlichsten bei den Autonomen Nationalisten, die sich in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild insbesondere an das linksautonome Spektrum anlehnten. Outfits (z.B. Kapuzenpullover, Baseballcaps), Straßenaktionen (z.B. Graffitis, Sprühschablonen) und Merchandisingartikel zu fremdenfeindlichen Kampagnen (z.B. Buttons, Shirts, Aufkleber) gehören zu einer Art rechtsextremem Lifestyle, mit dem sie sich speziell an Jugendliche wenden.
Fürchteten viele "klassische" Neonazikameradschaften noch eine fortschreitende "Verunreinigung" der Deutschen Sprache durch Anglizismen, nutzen Autonome Nationalisten gerade englischsprachige Slogans wie "Fight the System" oder "Smash the Exploiters", um ihre Botschaften cool und für junge User attraktiv klingen zu lassen. Eine rechtsextreme Gruppe aus Ostfriesland beschreibt diese Strategie der Szene auf ihrem Webangebot so: „Wir verstehen uns ausschließlich als neue und moderne “Nationale Sozialisten“. Als junge nationale Aktivisten, die den Kampf auf der Straße aufgenommen haben, um u.a. jegliche Jugendsubkulturen zu unterwandern und sie für uns zu gewinnen."
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