Rechtsextremismus

Moderner Lifestyle und Szene-Rekrutierung bei Instagram

Hippe Selbstinszenierung: Rechtsextreme geben sich "cool" und nahbar

Rechtsextreme Akteure präsentieren sich hip und cool auf der bei Jugendlichen besonders beliebten Plattform Instagram. Dort inszenieren sie sich gleichzeitig unauffällig und streuen nur zurückhaltend eindeutig rechtsextreme Inhalte und Propaganda. Eine hohe Reichweite erzielen vor allem Rechtsextreme, welche sich des typischen Nutzungsverhaltens von Instagram bedienen. Sie zeigen persönliche "Momente aus dem Leben" und vermitteln darüber ein Gefühl der Privatheit. Eine solche Strategie kann auf Instagram höhere Reichweiten erzielen: So hat das Profil einer der bekanntesten Frauen der Identitären 2979 Abonnenten, während das Profil der Identitären Bewegung Deutschland nur spärlich bestückt ist und lediglich 636 Abonnenten aufweist.

Ein weihnachtliches Bild, nur das Logo auf dem T-Shirt verrät: Die Userin ist Rechtsextremistin. (Quelle: Instagram; Original unverpixelt)

Einfallstor für Propaganda: Bilder, Memes und Hashtags

Rechtsextreme nutzen Instagram meist im Verbund mit anderen sozialen Medien und verlinken weitere Angebote in der Profilbeschreibung oder in einzelnen Posts. Als Teil dieser Medienstrategie wird Instagram als "Eyecatcher" und Einfallstor für rechtsextreme Ideologie genutzt. Dabei platzieren sie subtile Propaganda oftmals nur im Hintergrund von Bildern aus ihrem inszenierten Alltag: Als Slogan oder Symbol auf Kleidungsstücken oder eher unscheinbar auf einem Plakat, Graffito oder Sticker.

Neben eigenen Hashtags aus der Szene verwenden Rechtsextreme auch bestehende, um ihre Inhalte darüber zu verbreiten und andere User und Userinnen auf sich aufmerksam zu machen. Da es bei Instagram keine Begrenzung der Zeichen gibt, werden dort häufig zahlreiche Hashtags angegeben, um Inhalte in unterschiedliche Diskurse zu streuen. Auf der Suche nach einem bestimmten Hashtag zu einem Thema können User und Userinnen so schnell zu rechtsex-tremen Angeboten gelangen, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind. Ein ansprechendes Foto kann ausreichen, um neue Follower zu gewinnen.

Rechtsextremer postet stylisches Party-Bild unter dem unverfänglichen, weitverbreiteten Hashtag "Barträger". (Quelle: Instagram, Original unverpixelt)

Erstkontakt: Leichter Einstieg in Szene-Gruppen

Unter den Followern von offensichtlich rechtsextremen Instagram-Profilen sind auch User und Userinnen, die ansonsten keine erkennbaren Bezüge zur Szene aufweisen oder selbst rechtsextreme Inhalte posten. Dies lässt sich durch das bei Instagram übliche Prinzip "folgst du mir, folge ich dir" erklären. Userinnen und User folgen – auch ohne genaue Kenntnis der Inhalte – ihren Followern. Hierdurch vergrößert sich nicht nur die Reichweite und suggerierte Bedeutung eines Angebots, sondern auch das Risiko, dass junge Menschen in ihrem Newsfeed oder durch Push-Nachrichten über das Smartphone beiläufig mit rechtsextremen Inhalten konfrontiert werden.

Die Kommentarfunktion bei Instagram wird auch von Jugendlichen zur Kontaktaufnahme genutzt, die nicht in der rechtsextremen Szene organisiert sind. Durch die lebensweltnahe Selbstinszenierung und subtile Propaganda erscheinen rechtsextreme Akteure auf Instagram nahbar und die Schwelle zur Interaktion wird herabgesetzt. So ist der Kommentar einer jungen Frau zu verstehen, welche einen Führungskader der rechtsextremen Identitären Bewegung nach Propagandamaterial fragt: "Hast du zufällig eine Ahnung wann es wieder Lambda Aufnäher gibt? Oder wo ich vllt jetzt schon einen oder mehrere her bekommen könnte? Muss doch meinen neuen Rucksack zum rausgehen fertig machen!(:."

Lebensweltbezug: Erlebnisangebote als Türöffner

Auch zur gezielten Rekrutierung wird Instagram von rechtsextremen Gruppierungen genutzt. So postete der schwäbische Ableger der Identitären Bewegung zu Beginn der Sommerferien ein Bild einer jungen Frau im Bikini, die einen Volleyball unterm Arm hält. Durch den Fokus auf den Körper der jungen Frau soll Aufmerksamkeit erzeugt werden, erst bei genauerer Betrachtung wird der rechtsextreme Kontext deutlich: ein Szene-Aufkleber mit dem Slogan "Still not loving Antifa" auf dem Volleyball.

Während das Bild auf den ersten Blick harmlos wirkt, werden der Userinnen und User im begleitenden Text direkt aufgefordert, in Kontakt zu treten und sich aktiv zu beteiligen. Hierfür inszeniert sich die Identitäre Bewegung im Stile eines unverfänglichen Freizeitprojekts, welches "nicht immer politisch unterwegs" ist und Jugendlichen auch "regelmäßige Gemeinschaftsausflüge" bietet. Nach der ausführlichen Beschreibung eines Ausfluges in eine regionale Stadt schließt der Text mit den Worten: "Allen Aktivisten, Unterstützern, Sympathisanten und Followern wünschen wir hiermit einen schönen Sommer! Noch nicht aktiv? Dann gleich schnell an [E-Mail Adresse der Gruppe Schwaben] schreiben!"

Mit einem sexistischen Bild wird Interesse geweckt und auf rechtsextreme Botschaften gelotst. (Quelle: Instagram)

Reflektiertes Medienhandeln: Junge User und Userinnen stärken

Instagram ist für Rechtsextreme nicht die zentrale Plattform für die Verbreitung ihrer Propaganda, besitzt jedoch in der Funktion als 'Eyecatcher' einen wichtigen Stellenwert in rechtsextremen Medienstrategien. Mit Instagram werden Jugendliche dort angesprochen, wo sich diese ohnehin aufhalten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Rechtsextreme sich in ihrer Selbstinszenierung an bereits bestehenden und erprobten Instagram-Trends orientieren und ihre wahre Gesinnung zunächst verbergen.

Insbesondere für Kinder und Jugendliche ist es schwer, die tatsächlichen Absichten rechtsextremer Akteure auf Anhieb zu erkennen. Es besteht die Gefahr, dass sie die jugendaffine und moderne Inszenierung als "cool" wahrnehmen, rechtsextremen Akteuren folgen und dadurch dauerhaft mit deren Propaganda konfrontiert werden. Auch der Erstkontakt wird hierdurch erleichtert.

Parallel zur Löschung unzulässiger Beiträge müssen junge User und Userinnen daher für subtile Formen rechtsextremer Propaganda in den jugendaffinen Internetdiensten sensibilisiert werden. Im Kontext der Medienerziehung im schulischen und außerschulischen Bereich muss ihnen Handwerkszeug vermittelt werden, damit sie insbesondere die unauffälligen Erscheinungsformen entlarven und ihnen etwas entgegensetzen können.


Datum:
27.12.2017

Zusammenfassung

Verstöße, Meldungen und Reaktionen des Betreibers: Im Rahmen der Recherche zu dem vorliegenden Papier wurden 70 Verstöße registriert, darunter verbotene Symbole und Parolen, Volksverhetzung und Holocaust-Leugnung. Diese fanden sich in Bildern und Memes auf anonym betriebenen Profilen und Seiten. Über 90 Prozent der von jugendschutz.net gemeldeten Verstöße wurden von Instagram gelöscht.