Rechtsextremismus

Verschwörungstheorien für Jugendliche attraktiv

Simple Erklärungen für komplexe Welt

Verschwörungstheoretiker deuten die Welt nach einem simplen Gut-Böse-Schema und liefern monokausale Erklärungen. Sie transportieren vermeintliche Fakten und Aussagen, die plausibel erscheinen, aber nur schwer zu überprüfen sind. Oft liegt die Behauptung zugrunde, eine kleine, mächtige Gruppe manipuliere Ereignisse. Historische Tatsachen werden mit Gerüchten vermischt und die so dargestellten Thesen durch das Anführen zahlreicher Verweise und vermeintlicher Belege legitimiert.

Die Plattformen des Social Web bieten ideale Bedingungen für die Verbreitung verschwörungstheoretischer Beiträge. Besonders auf Facebook ist zu beobachten, dass die Vernetzungsmöglichkeiten des Dienstes die Streuung begünstigen. Es bilden sich Kreise von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig in ihrem Weltbild bestätigen. Durch Kettenverweise, nicht belegte Meldungen und sich selbst bestärkende Netzwerke gewinnen die Behauptungen Plausibilität, ohne dass sie mit Gegenargumenten konfrontiert werden.

Weil Begriffe und Zusammenhänge oft schwammig bleiben, bieten Verschwörungstheorien ein enormes Identifikationspotenzial. Mit Selbstbezeichnungen wie Freiheitskämpfer, Infokrieger oder Truther (von engl. truth = Wahrheit) unterstreichen Verschwörungstheoretiker ihr rebellisches Image. Politische Unterscheidungen wie "links" und "rechts" halten sie für überkommen, da es um den Kampf für Wahrheit und Frieden ginge. Dadurch sind sie vor allem für Orientierung suchende Jugendliche attraktiv.

Gegen Grundgesetz und Demokratie

Häufige Stichwortgeber im verschwörungstheoretischen Umfeld sind die sogenannten Reichsbürger. Dabei handelt es sich um antidemokratische Akteure aus dem rechtsextremen Spektrum, welche die Legitimität des deutschen Staates nicht anerkennen. Sie behaupten beispielsweise, die Bundesrepublik sei lediglich eine Firma ("BRD GmbH") und ihre Institutionen verdeckten die eigentliche Fremdherrschaft durch die ehemaligen Besatzungsmächte, insbesondere die USA. Im Netz kursieren unzählige Varianten dieser Theorie inklusive angeblicher Belege, die nur das Ziel verfolgen, demokratische Institutionen unglaubwürdig zu machen. Jüngst gerieten die Reichsbürger in die Schlagzeilen wegen bewaffneter Angriffe auf Vertreter des Staates, bei denen sogar ein Polizist ums Leben kam.

Aufwind erhielten ihre Vorstellungen in den vergangenen Jahren immer wieder durch prominente Unterstützung. So trat der Sänger Xavier Naidoo auf Demos auf, die auch von Reichsbürgern unterstützt wurden und äußerte selbst die Ansicht, dass Deutschland immer noch besetzt und nicht souverän sei. Auf YouTube wurden Fans von Naidoos Musikvideos schnell über Suchanfragen oder mittels Vorschlagsalgorithmen auch mit seinen verschwö-rungstheoretischen Statements konfrontiert.

Verschwörungstheoretiker verstehen sich auf popkulturelle Bezüge und erreichen damit junge User (Quelle: Facebook)

Revisionismus und Hetze gegen Juden

Verschwörungstheoretische Aussagen haben in den meisten Fällen ein antisemitisches Motiv. Die Rede ist dann von der "jüdischen Weltverschwörung", dem einflussreichen "Finanzjudentum" oder einer von Juden angestrebten oder gar bereits ausgeübten Weltherrschaft. Nicht selten finden sich in diesem Umfeld auch volksverhetzende Aussagen und Holocaust leugnende Beiträge.

Eines der größten Profile im Bereich der deutschsprachigen Verschwörungstheorien war lange Zeit die Facebook-Seite Anonymous Kollektiv (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Hackernetzwerk). Über 980.000 Menschen hatten die Seite gelikt und über 9.600 kommentierten, likten oder teilten einen Post durchschnittlich. Ein professionell wirkendes Video, in dem die Macher behaupteten, Hitler habe den Frieden gewollt, wurde beispielsweise über eine Million Mal angesehen. Bezogen wurde sich dabei auf geschichtsrevisionistische Publikationen.

Als Quellen werden oft weitere verschwörungstheoretische Seiten ins Feld geführt, die als oppositionell zum Mainstream wahrgenommen werden, zum Beispiel Compact, Kopp-Nachrichten und Blogs mit Namen wie Killuminati. Im Weltbild der Verschwörungstheoretiker gewinnen diese Nachrichtenquellen allein dadurch Plausibilität, dass sie eine abweichende Version von Geschehnissen verbreiten. Was in der Zeitung oder in Geschichtsbüchern steht, wird diskreditiert und die Verschwörungstheorie hierdurch gegen Kritik immunisiert.

 

Mit Verschwörungstheorien versuchen Rechtsextreme die Geschichte umzudeuten (Quelle: Facebook)

Datum:
20.10.2016

Zusammenfassung

Verschwörungstheorien sind im Social Web weit verbreitet. Häufig liegen ihnen anti-amerikanische und antisemitische Einstellungen zugrunde: US-Geheimdienste, private Banken oder deutsche Politiker seien Instrumente der Juden oder Illuminaten. Sogenannte Reichsbürger behaupten, die Bundesrepublik sei lediglich eine Firma, andere rehabilitieren Hitler als friedvollen Politiker und leugnen den Holocaust. Verschwörungstheorien bieten einfache Erklärungsmuster für komplexe Sachverhalte. Rechtsextreme knüpfen hier an, um insbesondere Jugendliche auf der Suche nach Erklärungen für ihre Propaganda zu gewinnen.