Rechtsextremismus

Rechtsextreme Fake-News im Netz

Stimmungsmache und Hetze gegen Fremde

Scheinbar glaubhaft und doch frei erfunden: Falschmeldungen gehören zum Standardrepertoire manipulierender Nachrichtenseiten. Sie sind komplett oder in Teilen erfunden, wirken jedoch häufig seriös, einleuchtend und damit glaubhaft. Mit der Verbreitung solcher skandalisierender Beiträge wollen die Betreiber negative Emotionen gegenüber bestimmten Gruppen oder Werten schüren. Da sie an gängige Vorurteile und Ängste anknüpfen, wird ihr Wahrheitsgehalt selten überprüft und viele der Nachrichten werden viral.

Auf vielen dieser Seiten dominiert das Thema "Ausländerkriminalität": Mit Berichten über angebliche Straftaten, die Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete oder Muslimas und Muslime begangen haben sollen, wird der Eindruck vermittelt, es gäbe eine allgegenwärtige Bedrohungslage. Suggeriert wird, die genannten Bevölkerungsgruppen verübten Straftaten besonders oft und brutal. Die Absicht dahinter: Angst zu verbreiten und Personengruppen systematisch abzuwerten.

Rechtsextremismus durch die Hintertür

Parallel zur Instrumentalisierung von Nachrichten aus seriösen Quellen, finden sich auf manipulierenden Nachrichtenseiten Verweise auf sogenannte alternative Medien. Sie stammen aus einem rechtsextremen Umfeld und verbreiten bewusst Falschmeldungen und Lügen, um gegen bestimmte Gruppen zu hetzen. Die Meldungen sind geschickt eingebettet und ihre Zielsetzung ist für Unkundige kaum zu durchschauen. Der Quellenmix ist doppelt perfide: Einerseits wertet die Verlinkung seriöser Medien die Seite auf und lässt sie besonders glaubwürdig erscheinen. Andererseits wecken Skandalfaktor und reißerische Überschriften der "alternativen Medien" Interesse. Wenn Jugendliche zu einer bei Facebook angekündigten, "brandheißen Enthüllung" Näheres erfahren wollen, landen sie dadurch schnell auf rechtsextremen Angeboten im Netz. Die Strategie, auf diesem Weg neue User zu gewinnen, geht häufig auf: Weit über 100.000 Likes erzielen Seiten mit reißerischen Titeln wie "Deutschland DECKT AUF" oder "Die Wahrheit '24h News'".

Aktuelles Material: Seine Erkenntnisse zu manipulierenden Nachrichtenseiten inklusive Tipps für die Praxis hat jugendschutz.net in einem Faltblatt zusammengestellt.

Kleine Manipulationen und dreiste Lügen

Hinter vermeintlichen Enthüllungen wie "Mitten in Deutschland: SEK findet große IS Waffenlager in mehreren Orten – die Presse schweigt" stecken häufig dreist erfundene Lügen. Sie transportieren ein antidemokratisches Weltbild und menschenfeindliche Inhalte und können nur durch Vorkenntnisse zum Sachverhalt oder eingehende Recherchen entlarvt werden. Noch schwieriger wird es bei Meldungen, die nur in Teilen manipuliert sind, z.B. wenn die Information einer seriösen Quelle durch eine andere Überschrift oder brutale Bilder verfälscht wird. Stark übertriebene Botschaften oder manipulierte Bilder werden häufig erstellt, um gezielt Menschen anzugreifen oder zu verunglimpfen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren.

Gegen Demokratie und "Lügenpresse"

Staatliche Institutionen wie Gerichte oder bekannte Politikerinnen und Politiker werden auf manipulierenden Nachrichtenseiten häufig beschuldigt, die Bevölkerung zu betrügen. So berief sich ein Beitrag beispielsweise auf einen rechtsextremen Blog und behauptete, Horst Seehofer vertusche die Sexualstraftaten von Geflüchteten. Die Absicht hinter solchen Behauptungen: Das Vertrauen in die Demokratie erschüttern. Nicht selten werden Beiträge eingeleitet mit Slogans wie "Das verschweigt die Lügenpresse". Das Ziel dahinter: Zweifel säen an der Glaubwürdigkeit seriöser Quellen und gleichzeitig die eigenen Angebote und "alternative Medien" als diejenigen promoten, die "endlich die Wahrheit verbreiten".

Kommentare stiften zu Straftaten an

Während die Autorinnen und Autoren manipulierender Nachrichtenseiten ihre wahre Motivation meist verschleiern, werden in Kommentaren unverhohlen menschenverachtende Parolen geäußert. Auffällig: User, die durch eine besonders drastische Sprachwahl hervorstechen, erhalten die meisten Likes. So entsteht der Eindruck, Hass und Hetze seien gesellschaftlich anerkannt. Nicht selten schaukeln sich Debatten hoch und User überbieten sich in der Drastik geforderter Konsequenzen. Selbst Gewaltfantasien werden mit Likes belohnt.

Kaum Gegenrede führt zu "Echokammern"

User, die auf manipulierenden Nachrichtenseiten Hetze widersprechen, werden dort regelmäßig gesperrt oder verbal attackiert. So bleiben rassistische Kommentatoren oft unter sich. Hinzu kommt, dass viele Plattformen ihnen durch technische Algorithmen automatisch ähnlich gelagerte Inhalte empfehlen. Daraus können "Echokammern" entstehen, in denen nur noch eine Seite des Meinungsspektrums wahrgenommen wird. Dies verstärkt den Propagandaeffekt der Angebote erheblich.

jugendschutz.net sichtete exemplarisch 612 Postings und 540 Kommentare auf sechs manipulierenden Nachrichtenseiten. Die Mehrzahl (80 %) der Postings zitiert aus seriösen Medien. Nachrichten wurden jedoch aus dem Zusammenhang gerissen und für rassistische Propaganda instrumentalisiert. Vom Erscheinungsbild heben sich die Seiten von Angeboten rechtsextremer Gruppen ab und sprechen dadurch viele User an. Die 612 Postings der Seitenbetreiber blieben alle unterhalb der Schwelle zum Jugendschutzverstoß. Der Grundton der 540 gesichteten Userkommentare war jedoch durch rohe Sprache gekennzeichnet. Dort dokumentierte jugendschutz.net 36 volksverhetzende Äußerungen oder Aufrufe zu Gewalttaten. Nach einer Meldung durch jugendschutz.net wurden sämtliche Verstöße gelöscht.

Was dagegen getan werden kann

Manipulierende Nachrichtenseiten zeigen, mit welchen perfiden Strategien Rechtsextreme arbeiten, um junge User für ihr Gedankengut zu gewinnen. Vor allem Provider, über deren Plattformen solche Propaganda verbreitet wird, müssen Inhalte mit Jugendschutzverstößen schnell und konsequent löschen. Auch sollten sie, um "Echokammern" präventiv entgegenzuwirken, ihre Automatismen so programmieren, dass das Risiko der Konfrontation mit Hassbeiträgen minimiert wird.

Jugendliche gegen Manipulation fit machen

Manipulierende Nachrichtenseiten sind auf den ersten Blick oft nicht dem Rechtsextremismus zuzuordnen und rechtlich schwer angreifbar. Damit junge User Manipulationen und Falschmeldungen erkennen und ihnen etwas entgegensetzen können, sind Unterstützungsangebote wichtig.

Tipps zum Umgang mit Fake-News

#Widersprechen Counter-Speech-Memes, Tipps und Tricks: Nohatespeech.de

#ToolsKennen
Schlagzeilen überprüfen: Häufig werden im Social Web Überschriften manipuliert. Artikel aus seriösen Quellen werden dabei mit einer neuen drastischen und irreführenden Überschrift versehen. So stellt man Überschriften-Manipulation fest: Entweder einfach den verlinkten Artikel aufrufen und die Überschriften vergleichen, oder die zu prüfende Überschrift kopieren, in Anführungszeichen setzen und bei Google eingeben: Wenn diese Überschrift keine seriösen Treffer erzielt, ist sie manipuliert worden.

Quellen einschätzen: Einige Quellen klingen auf den ersten Blick seriös, sind es jedoch nicht. Diese Suchfunktion hilft bei der Einschätzung: Bei Google die URL eingeben und "site:" davor schreiben. Beispiel: site:zumbeispiel.de Nun zeigt Google dir alle Beiträge an, die auf der Seite veröffentlicht wurden. Sind die Beiträge sehr einseitig, dann handelt es sich vermutlich nicht um eine objektive Quelle. Gibt man die Quelle folgendermaßen bei Google ein: "zumbeispiel.de" -site:zumbeispiel.de dann erhält man Treffer, bei denen über die Seite berichtet wird. Dadurch kann man feststellen, ob eine Seite beispielsweise in rechtsextremen Kreisen besonders beliebt ist. Zur Überprüfung von YouTube-Videos gibt es hilfreiche Tipps im Video des YouTube-Kanals "Besorgte Bürgerin"

#BilderChecken Bilder auf Einstelldatum prüfen: Passt das Bild wirklich zum aktuellen Anlass – oder wird hier ein besonders drastisches Bild aus dem Kontext gerissen, um Stimmung zu machen? Wer die Bild-URL kopiert und bei tineye.com eingibt, erhält alle Fundstellen des Bildes im Netz. Wenn das Bild älter ist, als der beschriebene Vorfall: Eindeutig Fake! Bilder auf Manipulationen prüfen: Auf der Seite fotoforensics.com gibt man Bild-URL's in der Suchleiste ein. Die Seite zeigt danach durch farbige Flecken Stellen an, die nachbearbeitet wurden.

#SchlauMachen
Diese Seiten decken Falschmeldungen auf: Mimikama.at und Hoaxmap.org

#HassMelden
Inhalte bei verschiedenen Diensten melden: No-hate-speech.de/melden Webinhalte zur Prüfung bei jugendschutz.net melden: Hass-im-Netz.info/melden


Datum:
21.12.2016

Zusammenfassung

Jugendliche informieren sich in Sozialen Netzwerken über aktuelle Ereignisse. Dabei laufen sie auch Gefahr, Falschmeldungen von manipulierenden Nachrichtenseiten aufzusitzen. Deren Betreiber setzen auf eine perfide Methode: Auf den ersten Blick kaum zu erkennen, machen sie unter dem Deckmantel der Berichterstattung systematisch Stimmung gegen Fremde und locken auf rechtsextreme Angebote.