Rechtsextremismus

Rechtsextreme rekrutieren auf allen Kanälen

Präsent, hilfsbereit und lebensnah: Rechtsextreme nutzen im Social Web mittlerweile alle verfügbaren Plattformen und einen perfiden Mix aus Strategien, um Heranwachsende neugierig zu machen und gezielt mir ihrer menschenverachtenden Ideologie zu beeinflussen. Hierüber erreicht ihre Propaganda Jugendliche aus verschiedenen Lebenswelten und fließt auch in szeneferne Web-Debatten ein.

Rechtsextreme setzen auf Online-Trends

Rechtsextreme bespielen parallel sämtliche jugendaffine Plattformen und Kommunikationsdienste mit ihrer Propaganda und mischen sich in möglichst viele Netzdiskurse ein, um User zu erreichen. Sie orientieren sich an aktuellen Trends der Onlinekommunikation, versuchen "up-to-date" zu sein und damit ihren Einfluss gerade bei Jugendlichen zu vergrößern. Die unterschiedlichen Angebote sind gut vernetzt und generieren so insgesamt eine hohe Reichweite.

Plaudern mit dem Lieblingsrocker: Via Teamspeak gehen rechtsextreme Musiker mit ihren Fans auf Tuchfühlung (Quelle: Facebook; Original unverpixelt)

Insbesondere über Kommunikationsdienste wie WhatsApp oder Teamspeak sind junge User der negativen Beeinflussung unmittelbar ausgesetzt. Da sich die dortige Kommunikation der Kontrolle von außen entzieht, besteht hier in besonderem Maße die Gefahr, dass sie sich unbemerkt radikalisieren. Die Dienste werden auch eingesetzt, um eine verdeckte, szeneinterne Vernetzung zu organisieren. Einladungslinks finden sich auf den öffentlich einsehbaren Profilen in den reichweitenstarken Netzwerken.

Mix sozialer Medien als Propagandastategie

Facebook dient Rechtsextremen als Socialising-Instrument, Twitter der kurzen und aktuellen Information an die Gefolgschaft und YouTube der Verbreitung von Aktions-, Mobilisierungs- und Musikvideos. Neue Musik von rechtsextremen Bands findet sich auf Diensten wie Bandcamp und Soundcloud, über Instagram werden persönliche Eindrücke vermittelt, bei Tumblr weltanschauliche Collagen und hippe Memes gestreut. Mit WhatsApp, Snapchat, Telegram und der Konferenzsoftware Teamspeak setzt die Szene auf Kommunikationstrends und unmittelbare Kontaktpflege. Ergänzend werden Ausweichplattformen wie das russische Soziale Netzwerk VK genutzt, um besonders drastische und in Deutschland strafbare Inhalte zu verbreiten.

Musik, Subkultur und Lifestyle als Lockmittel

Eine verbreitete Strategie ist es, Jugendliche durch harmlos formulierte und gestaltete Inhalte zu locken. Professionell betreibt dies die "Identitäre Bewegung". Seit der Gründung des deutschen Ablegers im Jahr 2012 hat sie ihre Kommunikationsstrategie professionalisiert. Dadurch konnte sie 2016 große mediale Aufmerksamkeit erzielen und zahlreiche neue Anhängerinnen und Anhänger rekrutieren.
Aktionen wurden medial inszeniert und über das Social Web mit jugendlichen Lebenswelten verknüpft. Im Juni 2016 veröffentlichte beispielsweise eine Gruppierung aus Halle ein Musikvideo, dessen Inhalt als "identitärer Rap" beschrieben wird.

Der Künstler knüpft an die Debatte über die "Flüchtlingskrise" und eine angeblich drohende "Islamisierung" Europas an und nutzt Hip-Hop als jugendaffines Stilmittel. Das Musikvideo und der Song wurden zeitgleich in allen möglichen Präsenzen der Gruppierung und ihr nahestehender Personen parallel eingebunden.

"Identitärer Rap": Jugendaffine Musik mit rechtsextremen Botschaften wird im Social Web verlinkt. (Quelle: Facebook)

Mit dieser Strategie erreicht die "Identitäre Bewegung" hohe Klickzahlen: Nachdem die bekannte Musikgruppe Jennifer Rostock einen Anti-AfD-Song veröffentlichte, erstellte eine Aktivistin der "Identitären Bewegung" einen Gegensong, der geschickt in die laufende Debatte eingebunden wurde. Innerhalb von 10 Tagen klickten User das pro-AfD-Video über 330.000 Mal bei YouTube an.

Erstkontakt über persönliche Ansprache

Die "Identitäre Bewegung" setzt bei ihrer Social-Web-Strategie auch auf Privat-Accounts ihrer Mitglieder, die in Hauptkanäle eingebunden werden. Die Profile wirken auf den ersten Blick harmlos, geben zum Beispiel Tipps zur Selbstverteidigung oder zeigen so genannten "Foodporn". Freundliche Aufmachung, alltägliche Themen und persönliche Ansprache sollen die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme senken.

"Identitärer Food-Blog": Akteure tarnen ihre Propaganda als hippes lebensweltnahes Angebot (Quelle: Instagram: Original unverpixelt)

Erst die genaue Betrachtung erschließt die rechtsextremen Botschaften, die meist in Form von Memes und Bildern jugendgerecht verpackt werden. Ähnliche Strategien verfolgen auch andere rechtsextreme Akteure, z.B. der NPD-Bundesvorsitzende Frank Franz, der sich auf seinem Instagram-Profil als Modeblogger in Szene setzt.

Menschenverarchtung als Naturschutz getarnt

Eine Strategie rechtsextremer Gruppierungen ist es, sich als Natur- oder Tierschutzgruppe zu tarnen. Um Jugendliche anzusprechen, agieren Neonazis der Misanthropic Division als "Block Widar" oder "Greenline Front Deutschland" und geben sich umweltbewusst. An Stelle von Schusswaffen und Kriegsgeräten finden sich auf diesen Seiten Bilder von Aufräumaktionen in deutschen Wäldern, Anleitungen zum Bau von Vogelhäuschen oder empörte Aussagen über die Misshandlung von Tieren.

"Greenlinefront Deutschland": Neonazis ködern mit Umwelt- und Tierschutz. (Quelle: vk.vom; Original unverpixelt.)

Mit dieser harmlos wirkenden Propaganda gelingt es der militanten Gruppierung, unter dem Radar zu bleiben und auch populäre Dienste unerkannt zu bespielen. Jugendliche können darauf leicht reinfallen, da der militante Hintergrund der Organisation nicht erkennbar wird. Ist das Interesse einmal geweckt, wird die Möglichkeit des direkten Kontakts über Messenger-Dienste dazu genutzt, junge Menschen enger an die Gruppierung zu binden. Meist kommen dabei verschlüsselte Dienste wie Threema zum Einsatz, deren Kommunikation nicht einsehbar ist.

Militante Neonazis nutzen Ausweichdienste

Da rechtsextreme Gruppen auf den großen Plattformen wie Facebook in der Vergangenheit immer wieder gelöscht wurden, spielt das russische Pendant VK für diese Akteure eine besondere Rolle. Rechtsextreme können dort unbehelligt zu rassistisch motivierter Gewalt anstacheln und beispielsweise Bilder ihrer Schusswaffen mit Aussagen wie "aufgerüstet. Projekt Kanackenabwehr läuft!" posten. Der Betreiber löscht fast keine unzulässigen Inhalte.

Auch die Misanthropic Division verbreitet ihre militante und menschenverachtende Propaganda auf der Plattform. Höhnisch kommentierte Bilder von KZ-Gedenkstättenbesuchen oder antisemitische Memes werden dort eingestellt und die Links dann über populäre Social-Media-Angebote einem breiten Userkreis zugänglich gemacht.

Misanthropic Division: Anhänger der Gruppe präsentieren bei VK ihre Waffen (Quelle: vkcom; Original unverpixelt)

Dieselbe Strategie nutzt auch die bekannte Gruppierung "Anonymous.Kollektiv". Seit der Löschung ihrer Facebook-Seite stellt deren Kopf bei Diensten wie der Videoplattform vid.me vermeintliche Produktvideos für Schreckschusspistolen ein. In den Videos wird "zu Demonstrationszwecken" auf Fotos von Politikern wie Heiko Maas geschossen. Der Betreiber vid.me reagierte nach Meldung durch jugendschutz.net rasch und entfernte das gesamte Profil.


Datum:
25.01.2017