Rechtsterroristischer Anschlag in Buffalo

Nutzung jugendaffiner Dienste und Gefahren für Kinder und Jugendliche

Am 14. Mai 2022 erschoss ein 18-jähriger Neonazi vor und in einem Supermarkt in Buffalo, New York, zehn Menschen und verletzte weitere zum Teil schwer, bevor er von der Polizei festgenommen wurde. Der Attentäter hatte bewusst eine mehrheitlich von Schwarzen bewohnte Gegend gesucht und den Zeitpunkt seiner Tat so gewählt, dass möglichst viele Menschen im Supermarkt waren.

Die Tat streamte er, wie der Attentäter von Halle 2019, mithilfe einer Bodycam per Twitch. Ein sog. Manifest hatte der Täter schon Wochen zuvor unter anderem auf Discord-Servern, auf denen er aktiv war, diskutiert und seine Tat angekündigt. Kurz vor der Tat postete er Links zum Stream und zu Download-Adressen seines Bekennertextes u.a. auf Imageboards. Der Livestream des Terrorangriffs wurde durch Twitch zwei Minuten nach Beginn der Morde unterbrochen. Bis heute sind jedoch Videokopien des Streams sowie der Texte auf Imageboards, Social-Media-Plattformen und Messenger-Diensten zu finden.

Resonanzraum der Gewalt: Das Online-Ökosystem des Rechtsterrorismus

Der Anschlag von Buffalo ist kein spontanes oder vereinzeltes rechtsterroristisches Ereignis. Der Attentäter folgte den Handlungsmustern vorheriger Rechtsterroristen und nimmt in Aussagen, (Szene-)Codes und Handlung Bezug auf deren Taten. So verweist er in seinem "Manifest" unter anderem auf die Anschläge von Christchurch, Halle, Utøya oder Charleston und greift wie deren Täter auf dieselben online verbreiteten, rassistischen und antisemitischen Hetzschriften, Memes und Theoreme zurück, aus denen er seinen eigenen Text konstruierte. Im Zentrum der Tat von Buffalo stand, wie bei anderen Terroranschlägen der letzten Jahre, das rassistische Zerrbild eines "großen Austauschs" ("The Great Replacement"), das vielfach online und in verschiedenen Szenen verbreitet wird. In der nicht nur in rechtsextremen Kreisen populären Erzählung wird eine vermeintliche "Invasion" nichtweißer oder muslimischen Geflüchteter und Migrant:innen behauptet, welche die weiße Mehrheitsbevölkerung ablösen sollten. Der Täter von Buffalo richtete seinen Hass bei der Tat gegen Schwarze, in seinem Pamphlet dagegen auch gegen Jüdinnen:Juden, denen er in verschwörungsideologischer, antisemitischer Manier u.a. unterstellt, den "großen Austausch" zu planen.

Die rechtsterroristischen Täter – nicht nur der letzten Jahre – sind daher insofern keine Einzeltäter, als dass sie Teil einer großen, internationalen ideologischen Gemeinschaft sind, in der Demokratiefeinde dieselben Ansichten teilen und Deutungsmuster verbreiten. Ihre Taten sind der menschenverachtende Ausdruck einer über nationale Grenzen hinweg und vor allem online vernetzten, subkulturellen Szene. Hier radikalisieren sich Täter in einem Geflecht von Imageboards, Messenger-Diensten und Spieleplattformen, in Foren, Gruppen und Chats, in denen Misanthropie, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus gängig sind und sogar zelebriert werden. Quasi zielgruppengerecht für dieses webkulturelle Umfeld werden Terroranschläge durchgeführt, was zur Bezeichnung "Gamification of Terror" geführt hat: Menschenverachtender Terrorismus wird durch das Streamen mithilfe einer Körper- oder Helmkamera quasi aus einer "Ego-Shooter-Perspektive" einer Online-Community präsentiert und zugänglich gemacht. Diese kann live teilnehmen sowie kommentieren oder sich die Aufzeichnungen wie Let's-Play-Videos anschauen. Entsprechend dieser Zielgruppe war auch die Übertragungsplattform gewählt: Twitch ist ein Live-Streaming-Dienst, der vor allem zur Übertragung von Videospielen und Interaktion mit Zuschauenden genutzt wird.

Social-Media-Instrumentalisierung als expliziter Teil eines rechtsterroristischen "Playbooks"

Schon Monate vor dem Anschlag hatte der Täter auf Discord-Servern Hinweise auf seine Anschlagspläne veröffentlicht und dort Informationen zu Waffen und Ausrüstung erhalten. In seinem "Manifest" beschreibt er sogar selbst, wie er online auf seine Tat aufmerksam machen wolle – u.a. mit Hinweisen auf seinen Stream über 8chan, 4chan und Discord. Auch hier finden sich Parallelen zu anderen rechtsterroristischen Anschlägen: Die jeweiligen Attentäter hoffen, so kündigten sie es immer wieder an, auf die größtmögliche Zahl von Toten ("kills"), um größtmögliche Aufmerksam durch einen hohen "score" zu generieren.

Die Vorbereitungen sowie Tatausführungen sind insgesamt darauf ausgelegt, eine große Reichweite für die ihren medialen Inhalte zu erzielen und dafür die sozialmedialen Verbreitungsmöglichkeiten zu nutzen. So wird darauf gebaut, dass das produzierte Material wie auch die Aufnahmen der Tat selber von der angesprochenen Online-Community aufgegriffen und weiterverbreitet werden. Auf diese Weise soll die eigene Gewalttat als Vorbild dienen, sowohl für gezielte Onlinepropaganda wie auch potentielle weitere Attentäter. Neu bei dem Anschlag von Buffalo ist, wie diese terrorpropagandistische Praxis vom Täter selbst als Teil seiner Botschaften reflektiert und expliziter Teil einer extremistischen Handlungsanleitung wird. Was bislang eher selbstverständliche Instrumentalisierung von Social-Media-Diensten und -Funktionen wurde, wird zur Message und Teil einer Art von rechtsterroristischen "Playbooks".   

"Gamification of Terror"

Quasi "zielgruppengerecht" für dieses webkulturelle Umfeld wurden in Christchurch, Halle und nun in Buffalo Terroranschläge in einer Weise durchgeführt oder inszeniert, die zur Bezeichnung "Gamification of Terror" führte: Menschenverachtende Gewalttaten werden durch das Streamen mithilfe einer Körper- oder Helmkamera aus einer "Ego-Shooter-Perspektive" einer Online-Community präsentiert. Diese kann live teilnehmen sowie kommentieren oder sich die Aufzeichnungen wie Let’s-Play-Videos anschauen. Entsprechend werden gaming-spezifische Übertragungsplattformen gewählt. So ist Twitch ein Live-Streaming-Dienst, der vor allem zur Übertragung von Videospielen und Interaktion mit Zuschauenden genutzt wird.

Eine weitere explizite Parallele zum Christchurch-Attentat sind die Symbole und Botschaften, die der  Attentäter von Buffalo auf seine Waffe malte und sie somit zu eine Art Medium für menschenverachtende Szene-Codes machte. Das Gewehr zeigt Hetzparolen gegen die BlackLivesMatter-Bewegung; auf dem Lauf ist das N-Wort zu sehen. Der Täter bot damit seinem Online-Publikum Erkennungszeichen, verortete sich selbst seine Tat in einer Kontinuität rechtsextremen Terrors . Zudem richtete er sich auch an spezifisch neonazistische Kreise. Nicht nur definiert sich selbst in seinem Schreiben als Neonazi: Eines der Symbole auf seinem Gewehr war die "14". Diese Zahl steht für die so genannten "14 words”, einer verbreiteten szeneinternen Losung. Diese lautet auf Deutsch: "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weißen Kinder sichern". In der Neonazi-Szene steht dieser Code für eine behauptete Überlegenheit einer angeblichen weißen Rasse. Auch in seinem sog. “Manifest” verwendet der Täter mehrfach diese Worte. Vermutlich wurde auch das Anschlagsdatum, der 14. Mai., mit Blick auf die "14 Worte" nicht zufällig gewählt.

Das Bemalen der Waffe kann zudem im Kontext der Terror-Gamification betrachtet werden: so ist ein wichtiger Attraktionspunkt bei Computerspielen die eigene Ausgestaltung von Spielecharakteren, Ausrüstungsgegenständen oder Rüstungen ("Customization"). Auch wenn es hier meist nur um visuelle bzw. ästhetische Elemente geht und nicht um zusätzliche Hass-Symboliken, ist dies doch wichtig als Teil der Selbstdarstellung und -inszenierung. Diese spielt beim Rechtsterrorismus eine wichtige Rolle.   

Das Verhältnis zwischen Rechtsextremismus und Gaming ist ein multidimensionales. Einfache Kausalität oder Rückschlüsse auf alte Diskussionen wie beispielsweise die Verteufelung von "Killerspielen" gehen dabei fehl. Um die vielschichtigen Bezugs­punkte zwischen den beiden Phänomenen begreifen zu können und um Problematiken und Leerstellen sowie präventive Handlungsmöglichkei­ten in diesem Themenkomplex zu erarbeiten, bedarf es eines differenzierten Blickes. Weitere Informationen hierzu sind in unserem Report Rechtsextremismus und Gaming: Ein komplexes Verhältnis sowie in unserem Themenschwerpunkt Rechtsextreme [&] Gaming-Kulturen zu finden.

Missbrauch des Anschlags für pro-russische Kriegspropaganda

Über die eigentliche propagandistische Wirkung hinaus wird der rechtsterroristische Anschlag auch im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine für pro-russische Propaganda missbraucht. Der Attentäter veröffentlichte Bilder von sich, die ihn mit dem Symbol der Schwarzen Sonne zeigen und das sich auch auf der ersten Seite seines "Manifests" findet: ein Symbol, das aus zwölf in Ringform gefassten gespiegelten Sigrunen besteht. Die Schwarze Sonne ist ein Symbol, das in vielen Ländern von Rechtsextremen genutzt wird und auch im Kontext rechtsterroristischer Gewalttaten in der Vergangenheit immer wieder auftauchte, so u.a. beim Attentäter von Christchurch in dessen Online-Bekennertext.

Im Rahmen pro-russischer Propaganda werden die Bilder des Attentäters in Collagen mit Bildern von einzelnen Mitgliedern des ukrainischen Asow-Regiments kombiniert, die ebenfalls dieses Symbol zeigen. Bis 2015 war es sogar Bestandteil des Verbandsabzeichens. Der in den letzten Jahren zu einem kleineren Spezialeinheitenregiment innerhalb der ukrainischen Nationalgarde umgestaltete Kampfverband stand in der Vergangenheit aufgrund rechtsextremer Äußerungen seiner Anführer und von Angehörigen häufig in der Kritik. Über das Ausmaß rechtsextremer Bezugspunkte im heutigen Regiment besteht unter Expert:innen indes Uneinigkeit. Unstrittig ist jedoch, dass die rechtsextremen Gesinnungen und Verbindungen des ehemaligen Asow-Regiments keine echte Basis für das Propaganda-Narrativ des russischen Regimes liefern, mit dem dieses den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine als vorgeblich antifaschistische Befreiung legitimieren möchte.

Eben mit diesem Ziel wird jedoch der das Symbol genutzt und der Anschlag in Buffalo missbraucht, um einen fadenscheinigen Zusammenhang bzw. Vergleich von ukrainischen Soldaten und rassistischen Rechtsterroristen zu konstruiert. Zu dieser Propaganda gehören wort- und bildidentische Posts in verschiedenen Sprachen in sozialen Netzwerken oder Schlagzeilen wie "Killer von Buffalo (USA) mordete unter einem Logo-Bestandteil des Asow-Regiments" und rhetorische Fragen wie "Der eine ist ein Nazi-Terrorist, der andere ein Held?". Solche Desinformationen können nicht zuletzt für Kinder und Jugendliche schwer einzuordnen und zu durchschauen sein. 

Instrumentalisierung rechtsterroristischer Gewalt durch Islamist:innen

Auch islamistische Gruppen instrumentalisieren rechtsterroristische Taten immer wieder, insbesondere um auf Social Media ihre Bedrohungsnarrativ angesichts eines vermeintlich "muslimfeindlichen Westens" zu nähren. Gezielt heben sie die Parallelen zwischen dem Täter von Buffalo und dem Täter von Christchurch hervor, dessen erklärtes Ziel Muslim:innen waren. Auf dem Messenger-Dienst Telegram teilen einschlägige islamistische Kanäle das Tatvideo von Buffalo in voller Länge, sodass junge Menschen auch hier Gefahr laufen, mit drastischen Gewaltdarstellungen konfrontiert zu werden.

Der rechtsextreme Kampfbegriff des "Great Replacement", den der Täter von Buffalo in seinem "Manifest" verwendet, wird auch in islamistischen Kreisen auf Facebook und Instagram erwähnt und dort vor allem als Angriff auf muslimisches Leben gedeutet. Der Grundgedanke der Verschwörungserzählung vom "großen Austausch" werde angeblich von der westlichen Bevölkerung insgesamt geteilt und von westlichen Politiker:innen aktiv propagiert. Für Muslim:innen zeichnet islamistische Propaganda damit ein massives Bedrohungsszenario. Dieses geht über möglicherweise angebrachte Mahnungen und Anklagen antimuslimischer bzw. rassistischer Strukturen und Untaten hinaus hinaus und wird stellenweise zu der verschwörungstheoretischen Idee einer vermeintlich muslimfeindlichen westlichen Integrationspolitik hochstilisiert. Gegen eine solche helfe, so die Propagandabotschaft, sich als junge Muslim:innen vom Westen sowie seinen vermeintlichen Idealen abzuwenden und den Heilzustand alleine in der islamischen Gemeinschaft zu suchen, wie sie die Islamist:innen definieren.

Verbreitungswege Social Media: Konsequentes Vorgehen gegen Reuploads notwendig

Zwei Minuten dauerte der Stream des Anschlags, bis Twitch die Videoübertragung der Morde unterbrach. Aber auch wenn der Videostream gestoppt und die Accounts und Dateien des Täters auf zahlreichen Plattformen gelöscht wurden: Kopien des Videos sowie seines "Manifestes" sind als Reupload vielfach online auf Filehosting-Plattformen, Imageboards, Social Media oder Messenger-Diensten zu finden und werden von dort weiterverbreitet. Ausschnitte, Screenshots und Sequenzen wurden schnell zu Memes umgewandelt. Das Attentatsvideo und der Bekennertext sind jedoch als jugendmedienschutzrechtlich absolut unzulässige Verstoßinhalte zu werten: als Gewaltdarstellung, Verletzung der Menschenwürde, Volksverhetzung oder Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Das Entfernen dieser Inhalte auf Plattformen wie Twitter, Instagram oder YouTube erfolgt in der Regel rasch. Bei anderen Plattformen und Diensten wie Telegram, VK oder Imageboards hatten bisherige Versuche, menschenverachtende, grausame und rechtsextreme Inhalte löschen zu lassen, nur sporadischen Erfolg, solche Inhalte dort daher nach wie vor nicht nur vereinzelt vorhanden sind.

Rechtsextreme nutzen vermehrt sog. "Ausweichplattformen" für ihre Onlinepropaganda, zur Vernetzung, Rekrutierung und Mobilisierung. Insbesondere der Messenger-Dienst Telegram spielt hier seit ein paar Jahren eine zentrale Rolle. Welche einschlägigen Inhalte dort verbreitet werden, wie der Dienst in die rechtsextreme Medienstrategie eingebunden wir und wie er auf massenhafte Verstöße gegen den Jugendmedienschutz reagiert, kann in unserem Report Telegram: Zwischen Gewaltpropaganda und "Infokrieg" sowie in unserem Bericht 2020/2021: Rechtsextremismus im Netz nachgelesen werden.

Kinder und Jugendliche vor drastischen Inhalten schützen

Sowohl das Video selbst als auch die textlichen Veröffentlichungen stellen vor allem für Kinder und Jugendliche eine dramatische Gefährdung dar, der sie durch eigenes (Suchen, Re-Posten etc.) wie fremdes Tun (z.B. durch Aktivitäten anderer User:innen in Timeline "gespülte" Inhalte) ausgesetzt sein können. Das Video zeigt grausame und brutale Morde und menschenverachtende Gewalt. Videos laufen je nach Plattform, Einstellung und Endgerät teilweise eigenständig an, in verschiedenen Apps führt der Klick darauf nicht zum Stoppen des Videos, sondern zu einer Vollbildansicht. Häufig sind die Endgeräte der User:innen nicht stumm geschaltet, so dass neben der Bildebene auch noch die Geräusche hinzukommen - Schüsse, die verzweifelten Schreie der Menschen, Schmerzensschreie. Memes und Sequenzen der Videos zeigen Morde und wirken ebenso verstörend oder können in ihrer Verharmlosung desorientieren.

Auch das“Manifest” ist eine Gefährdung für Kinder und Jugendliche. Wer Englisch versteht, wird dort mit volksverhetzenden antisemitischen und rassistischen Tiraden und Behauptungen konfrontiert. Selbst ohne Sprachkenntnis sind Memes und Bilder darin jugendschutzrelevant und das Verbreiten und Zugänglichmachen derartigen Materials nach Einschätzung von jugendschutz.net unzulässig. jugendschutz.net geht gegen entsprechende Inhalte vor, die uns auch über unsere Hotline gemeldet werden können.