FokusIslamismus

Von Verharmlosung bis Verehrung

Die veränderte Machtlage in Afghanistan wird auch in islamistischen Kreisen auf Social Media wahrgenommen und kommentiert. Islamist:innen nutzen die mit Frustration, Angst und Wut aufgeladene Stimmung, um die Machtergreifung der Taliban nach ihren eigenen Maßstäben zu bewerten und für ihre ideologisch gefärbten Ziele zu werben. Reaktionen islamistischer Akteure rangieren dabei von Bagatellisierung bis zurückhaltende Sympathie, Hetze gegen die USA und "den Westen" und schließlich offene Heldenverehrung der Taliban.  

Verharmlosung und Whataboutism

Parallel zum Vordringen der Taliban in Afghanistan wird in deutschen islamistischen Kreisen auf Social Media mit immer mehr Posts, Videos und vereinzelten ausführlichen “Stellungnahmen” reagiert. Viele junge Menschen wenden sich aktiv und Rat suchend an islamistische Gruppierungen, um online auf schnellem und einfachem Weg eine Positionierung zu verschiedenen Themen zu erhalten. jugendschutz.net beobachtet auf diesen Kanälen eine Tendenz zur Verharmlosung der islamistischen Taliban. Es wird zur Besinnung aufgerufen, man solle erst einmal die Zeit zeigen lassen, wie es sich mit den Taliban verhalte. Videotitel wie “Taliban - Gut oder böse?” deuten eine relativierende Positionierung an, die inhaltlich oft mit dem Aufruf gekoppelt wird, das eigene Wissen über die Taliban zu hinterfragen, welches durch westliche Medien vermeintlich falsch oder unvollständig sei.  

Eine weitere Tendenz ist der Hang zum sogenannten “Whataboutism”. Dabei werden unliebsame Aspekte durch gezielte Gegenfragen oder Ablenkung relativiert oder ignoriert. In diesem Fall wird dafür die sich verschleiernde Frau von Islamist:innen instrumentalisiert: Eine vonseiten der afghanischen Bevölkerung und Aktivst:innen geäußerte Kritik an und Sorge vor den Taliban, welche bekanntlich das islamische Gesetz (Scharia) besonders streng auslegen, besteht in deren Auffassung von Frauenrechten. Dies betrifft etwa die Verpflichtung zum Tragen einer Vollverschleierung (Burka). Islamistische Akteure versuchen diese Sorge nun auszuhebeln, indem sie westlichen Gesellschaften Scheinheiligkeit vorwerfen, da sie muslimischen Frauen auch verbieten würden, “sich zu kleiden, wie sie wollen”. Damit wird auf das Verbot eines Kopftuchs für Beamtinnen in Deutschland sowie die verschiedenen Bedeckungsverbote innerhalb Europas angespielt. Es handelt sich hierbei um ein gezieltes rhetorisches Ablenkungsmanöver: Der eigentliche Punkt, nämlich die berechtigte Sorge vor massiven Einschränkungen der Frauenrechte in Afghanistan, soll durch den Verweis auf andere kritische Themen relativiert werden. Auch an anderer Stelle findet sich Whataboutism-Rhetorik: Als Helden, die ihr Land befreit hätten, stellen Islamist:innen die Taliban etwa dem von ihnen verteufelten Israel gegenüber, um zu suggerieren, dass der Westen den Israel-Palästina-Konflikt ignoriere, während er sich über die Taliban zu Unrecht empöre. 

Massive Hetze gegen "den Westen" und deutsche Medien

Ganz überwiegend nutzen deutschsprachige Islamist:innen die Situation in Afghanistan, um gegen die USA, gegen Deutschland und gegen “den Westen” zu hetzen. Insbesondere deutsche Medien werden als Verbündete eines von Islamist:innen konstruierten Bündnisses gegen die Muslim:innen und den Islam, teils offen als “Feinde” inszeniert. Falschinformationen über die Taliban seien daher nur zu erwarten. Um dieses von ihnen geschaffene Konstrukt scheinbar zu belegen, ziehen islamistische Akteure überspitzte Beispiele heran, wie etwa eine Schlagzeile der BILD-Zeitung: “Taliban jagen Kinder”. Einzelne provokative und mitunter fragwürdige Überschriften von Nachrichtenmagazinen aus aller Welt, die vermeintlich über Muslim:innen berichten, werden in islamistischen Kreisen häufig als scheinbare Beweise für eine insgesamt manipulative und muslimfeindliche deutsche Presselandschaft genutzt. Junge Menschen, die ihre Informationen zu einem Großteil via Social Media beziehen, sollen dadurch das Vertrauen in deutsche Medien verlieren und stattdessen auf eine der zahlreichen, oft von privaten Einzelpersonen betriebenen Pseudo-Nachrichtenaccounts innerhalb der islamistischen Szene zurückgreifen, die Informationen zu Gunsten der eigenen Ideologie teilen. 

Islamist:innen versuchen, die gegenwärtig emotional stark aufgeladene Stimmung zu nutzen, um gegen westliche Regierungen zu hetzen und ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Dabei findet keine Differenzierung mehr zwischen den USA und Europa inklusive Deutschland, deren Außenpolitik und der deutschen, nicht-muslimischen Bevölkerung statt. Sie werden allesamt als homogener und ideologisch gleichgeschalteter “Westen”, in anderen Kanälen offen als “Kuffar” (dt. Ungläubige) gelabelt. Im dualistischen Weltbild der Islamist:innen wird einer muslimischen Weltgemeinschaft (“Umma”) “der Westen” als Feind, dem nicht zu trauen sei, entgegengesetzt.

Immer wieder wird legitime Kritik an Einsätzen der USA und Europas aufgegriffen, um die damit einhergehende Wut und Frustration im Sinne der eigenen Weltanschauung zu lenken und in dualistische Extreme zu unterteilen. So wird etwa der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz mit einer Aussage zur Flüchtlingssituation und dem potentiellen Einschleppen problematischer Ideologien zum Symbolbild für einen homogenen, muslimfeindlichen Westen erklärt, der mit einer “kranken Ideologie” “Andersdenkende abschlachte”.

Islamistisches Framing: "Ein Erfolg für die Muslime"

Mehrere islamistische Akteure deuten den Vormarsch der Taliban in Afghanistan ganz offen als einen “Erfolg für die Muslime”. Islamist:innen, die der in Deutschland verbotenen Hizb ut-Tahrir nahestehen, verkünden, dass dies der Start für ein Kalifat sein solle, d.h. für einen internationalen Staat nach islamischem Vorbild. Die Taliban werden als heldenhafte Widerstandskämpfer mit islamischer Überzeugung (“Mudschahidin”) inszeniert, die für die Freiheit ihres Landes und für ihren Glauben kämpfen. Hizb ut-Tahrir-nahe Akteure lobpreisen das Handeln und Durchhaltevermögen der Taliban als vorbildlich für alle Muslim:innen, der militante Dschihad wird von ihnen offen glorifiziert und als erstrebenswert angepriesen.  

In dschihadistischen Kanälen wird die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ganz unverhohlen als “Sieg für die Scharia” gedeutet und die Etablierung des “Islamischen Emirats” gefeiert. Hier wird dazu aufgerufen, für den Erfolg der Taliban genauso wie für die Dschihad-Kämpfer in Syrien zu beten, welche alle scheinbar für die gleiche Sache zu kämpfen scheinen. In ihrem dualistischen Weltbild berufen sich islamistische Akteure dabei immer wieder auf die Doktrin al-Wala wal-Bara (dt. Loyalität und Lossagung), die die Loyalität zu “den Eigenen” und die Lossagung von “den Anderen” meint. Die Eigenen werden als "die Muslim:innen" interpretiert, zu denen Islamist:innen auch die Taliban zählen, die Anderen als die Besatzer oder generell als "die Kuffar" (Ungläubige), womit praktisch alle gemeint sein können, die nicht dem islamistischen Weltbild entsprechen.

jugendschutz.net beobachtete Fälle von Volksverhetzung, in denen die Machtergreifung der Taliban zum Anlass genommen wird, offen gegen deren Feindbilder, wie Frauenrechtler:innen, zu hetzen. Viele Beiträge befinden sich in einer juristischen Grauzone. Dies liegt zum einen daran, dass die Taliban als bislang Afghanistan-bezogene Gruppierung in Deutschland nicht verboten ist. Zum anderen haben mehr und mehr islamistische Akteure inzwischen gelernt, wie sie ihre Botschaften vermitteln können, ohne sich dabei juristisch angreifbar zu machen. Eine Auseinandersetzung mit und Sensibilisierung für subtile islamistische Propaganda bleibt für Pädagog:innen, Lehrer:innen und andere Fachkräfte aus der Jugendarbeit dringend notwendig. 

26.08.2021