„Laut Gedacht“: Rechtsextremer Lifestyle im Videoformat

Der Beitrag ist die Verschriftlichung des Inputvortrags von Sebastian Schneider zum Panel Rechtsextremes Propagantainment: Podcasts und Videoformate. Dieses fand am 29.09.2021 im Rahmen der Online-Fachtagung „Hass attraktiv: Formen und Formate extremistischer Online-Propaganda“ statt. Den Vortrag selbst finden Sie als Teil der Panel-Videoaufzeichnung hier: hass-im-netz.info/formen-formate-propaganda/panel-rechtsextreme-podcasts

Podcasts und Videoformate erfreuen sich bei Rechtsextremen seit geraumer Zeit größter Beliebtheit. Akteur:innen verschiedener Lager des rechtsextremen Milieus bieten eine Fülle unterschiedlicher Formate an, von einfach gehaltenen Gesprächs-Audiopodcasts bis hin zu professionell produzierten Videos, die in regelmäßigen Abständen erscheinen. Dabei setzen sie weniger einen Trend, als dass sie auf die generelle Popularität dieser Formate besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen reagieren. So wird an gewohnte Hör- und Sehgewohnheiten dieser Personengruppen angeknüpft, zugleich diskriminierende, menschenverachtende und auch verhetzende Inhalte verbreitet. Diese Formate bilden hierdurch potentielle Berührungspunkt für Jugendliche mit rechtsextremen Einstellungen und Ansichten.

Zu diesen Formaten zählt auch das Videoformat Laut Gedacht. Es erschien erstmals 2016 auf der Videoplattform YouTube; bis September 2021 wurden 212 Folgen produziert. Im März 2021 erfolgte aufgrund wiederholter Verstöße gegen die Community-Richtlinien das Deplatforming: der Kanal wurde von YouTube gelöscht. Daraufhin erfolgte der Umzug auf die unter rechtsextremen und verschwörungsideologischen Personen beliebte Videoplattform frei3. Zum Zeitpunkt der Löschung verfügte der YouTube-Kanal über 55.000 Abonnements, auf frei3 waren es im September 2021 348.

Das Format produziert der Verein „Ein Prozent“ [1]. Er stellt seit 2020 ein eigenes Studio für die Produktion der Folgen zu Verfügung. Die beiden Podcaster Alexander „Malenki“ Kleine und Philip Thaler sind Aktivisten der „Identitären Bewegung Deutschland“ e.V. Thaler ist aktuell einer der Bundesvorsitzenden des Vereins. 

Das Setting und der Ablauf des Formats erinnern stark an typische Late-Night-Shows im Fernsehen: Thaler und Kleine sitzen hinter einem großen Tisch, der sich in einem dekorierten Studio befindet, und werden meist frontal gefilmt. Thematisch richten sie sich an aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen aus, die in unregelmäßigen Abständen auch mit Gästen besprochen werden. Daneben finden sich kurze, komödiantische Szenen, die als Einspieler in das Format integriert werden und ein Thema der jeweiligen Folge stark überspitzt und sarkastisch aufgreifen. Daneben agiert Volker Zierke als eine Art „Sidekick“: Er mimt den Praktikanten des Formats, der als Gegenpart für Witze und als Bindeglied zwischen dem Publikum und den beiden Protagonisten dient. Auch Zierke ist als Autor des neu-rechten Spektrums in rechtsextremen Kreisen kein Unbekannter.

Der Aufbau von Laut gedacht ist somit wenig innovativ. Die Macher:innen orientieren sich an dem, was im deutschen linearen Fernsehen aus den USA übernommen und etliche Male kopiert wurde, hier nun auf einer Videoplattform. Ein maßgeblicher Unterschied: Politische und gesellschaftliche Ereignisse, die den je aktuellen medienöffentlichen Diskurs prägen, werden aus einer laut Eigenbezeichnung „patriotischen“ Sichtweise heraus kommentiert und eingeordnet. Was genau unter „patriotisch“ zu verstehen ist, bleibt vage. Gemäß dem aktivistischen Background von Thaler und Kleine handelt es sich um eine neurechte, rechtsextreme Perspektive. Sie präsentieren ihr Format als Gegenpol zum sogenannten „linken Mainstream“. Die mediale Berichterstattung bei Themen wie Migration, Multikulturalität, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität seien ihnen zufolge verzerrt, negative Aspekte würden angeblich ausgeblendet. Hieran orientiert sich auch die Themensetzung des Formats: Es werden solche Ereignisse ausgewählt, an denen sich diese verzerrte mediale Repräsentation festmachen lässt und die daraufhin „satirisch überspitzt“ kommentiert wird. 

Was Laut Gedacht unter Satire versteht, zeigen die komödiantischen Einspieler. Menschen mit Behinderungen werden zum Gegenstand höhnischer Witze; die Corona-Pandemie sei von der chinesischen Regierung orchestriert und die Erstürmung des Kapitols in Washington unter Beteiligung von FBI, CIA und Mossad erfolgt. Diskriminierungen und die Bedienung verschwörungsideologischer Narrative mit zum Teil antisemitischer Konnotation bilden hier die Grundlage für die angeblich humorvoll überzeichnete Kommentierung aktueller Ereignisse. 

Es ist davon auszugehen, dass die Eigenbezeichnung als Satire strategischer Natur ist und eine Schutzbehauptung darstellt. Humor, Ironie und Sarkasmus sind Stilmittel, die seit geraumer Zeit vermehrt in der Online-Kommunikation von Rechtsextremen auftauchen. Sie dienen meist als Deckmantel: Diskriminierende und auch Hass schürende Aussagen seien, so wird zur Verteidigung gegen Kritik und Sanktionen angeführt, nicht ernst gemeint. Auf diese Weise wird versucht, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben und diskriminierende Aussagen zu normalisieren. Zudem wird auf diese Weise versucht, sich zu Märtyrer:innen in einem öffentlichen Meinungskampf zu stilisieren. Nach der Löschung ihres Kanals durch YouTube beharrte Thaler in Folge 201 darauf, dass ihr Format unernst gemeint sei und kommentierte das Deplatforming mit „bisschen Satire“ müsse „die Meinungsfreiheit aushalten“.   

Neben den politischen oder gesellschaftlichen Themen macht das Bewerben von szeneinternen Produkten einen erheblichen Teil der Reihe aus. Es werden u.a. Bücher, Comics, Magazine und Musik neurechter und rechtsextremer Ausrichtung vorgestellt und zu deren Kauf angeregt wird. Kleine ist darüber hinaus häufig in Shirts von Marken zu sehen, mit der die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene ausgewiesen wird. Entsprechende andere Szene-Produkte werden zudem in der Studiokulisse immer wieder deutlich sichtbar platziert.  So versuchen die Macher:innen mit Laut Gedacht einen rechtsextremen Lifestyle zu vermitteln, der über die rein politische Agitation hinausgeht und in den Bereich des Kulturellen hineinwirkt. 

Daneben kommt es häufiger zu Spendenaufrufen für das Laut Gedacht selbst oder für den Verein „Ein Prozent“. Die Finanzierung rechtsextremer Aktionen und Gruppierungen ist seit jeher stark von Geldgeber:innen aus dem eigenen Milieu abhängig, wofür auch die Reichweite des Videopodcasts genutzt wird.

Der starre gestalterische Aufbau der Sendung mitsamt den beiden Protagonisten hinter einem großen Tisch bauen eher Distanz zu den Zuschauer:innen auf, als dass Nähe geschaffen würde. Um dennoch das Publikum in das Format zu integrieren, fordern Thaler und Kleine regelmäßig zur Beteiligung auf. Sei es durch das Verfassen eines Kommentars oder die Teilnahme an Abstimmungen (z.B. Meinungsumfragen). Auch finden sich regelmäßig Aufrufe zum Folgen und Mitdiskutieren auf dem eigenen Telegram-Kanal. Diese Beteiligung wird ins Format selbst eingebaut: „Praktikant“ Volker Zierke liest den Protagonisten Beiträge aus dem Telegram-Kanal vor, die wiederum kurz besprochen und kommentiert werden. Trotz der Bemühungen, das Publikum mit in das Format einzubinden, war die Resonanz nach der Löschung ihres Auftritts bei YouTube mit bis zu 100.000 Abrufen äußerst gering. Die Anzahl der Kommentare unter den Videos blieb meist im einstelligen Bereich und auch die Diskussionen auf dem Telegram-Kanal sind nur wenige Beiträge lang. Ende September 2021 gaben Kleine und Thaler bekannt, keine weiteren Folgen mehr zu produzieren. Als Grund nannten sie in Folge 212 u.a. den starken Einbruch der Abrufzahlen nach dem Wechsel zu frei3. Ein Beispiel für den großen Effekt, den ein konsequentes Vorgehen von Social-Media-Diensten auf die Reichweite von rechtsextremen Akteur:innen haben kann.

Anmerkungen:

[1] Siehe zu „Ein Prozent“ auch den Verfassungsschutzbericht 2020 (S. 82 ff.), in dem auch „Laut gedacht“ erwähnt wird (S. 84).

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