Podcasts: Rechtsextreme Adaption eines beliebten Medienformats

Podcasts sind abonnierbare Video- und Audio-Reihen oder -Serien. Sie werden sowohl von professionellen Produzent:innen wie von Privatpersonen über Dienste wie Spotify und YouTube, aber auch auf Homepages angeboten. Das Wort entstand auf den Begriffen iPod (dem mobilen Abspielgerät der Firma Apple) und Broadcasting (Fernseh- oder Radiosendung bzw. -übertragung). Dementsprechend steht der Begriff Podcast auch für das demokratisierende Potenzial neuer und vor allem Sozialer Medien, durch die jenseits des traditionellen TV- und Hörfunksystems eigenerstellte Sendungen verbreitet und damit ein Massenpublikum erreicht werden kann.

Audio-Podcasts hören 10 Millionen Deutsche über 14 Jahren, 4 Millionen davon sogar täglich. Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene sind die aktivsten Hörer:innen. Wenig verwunderlich also, dass auch Rechtsextreme diesen Trend aufgreifen und versuchen, mithilfe dieses Formates an die Hörgewohnheiten junger Menschen anzudocken.

Über die letzten Jahre und insbesondere während der Corona-Pandemie haben sich eine Reihe rechtsextremer Podcasts etabliert. Dabei zeigen sich Unterschiede beispielsweise in der Ausrichtung, Regelmäßigkeit oder in den Verbreitungswegen, aber auch eine große Menge an Gemeinsamkeiten und Überschneidungen.

Ein Großteil der Podcasts stammt aus dem neurechten, identitären Milieu. Dabei handelt es sich meist um Gesprächsformate: Einzelne oder ein kleiner Kreis an Aktivist:innen unterhält sich untereinander sowie mit Gästen als ausgewählte Gesprächspartner:innen. Inhaltlich geht es um Einschätzungen des politischen Tagesgeschehens, um den eigenen Aktivismus oder das – z.B. politische oder mediale – Wirken des Gastes. Die Gesprächsführung rangiert von ihrer Tonalität her zwischen (pseudo-)intellektuellem Anspruch und vermeintlich humoristischer Provokation. Die von jugendschutz.net dokumentieren Podcasts werden ausschließlich von Männern betrieben; selbst weibliche Gäste sind sehr selten zu finden.

In Struktur und Gestaltung orientieren sich Rechtsextreme mit ihren Sendungen an den Standards von Talkformaten, wie sie sich im Fernsehen und im Radio etabliert haben und von der Online-Medienwelt übernommen und angepasst wurden. Das betrifft den Gesprächsablauf, die Anordnung der Personen vor der Kamera oder die direkte Ansprache des Publikums (z.B. bei der Begrüßung) sowie wiederkehrende Elemente in Ablauf und Design: eigene Rubriken-Titel, Musik- oder Schrifttext-Intros u.Ä. So soll der Podcast als Marke etabliert und die Nutzer:innen gebunden werden.

Verbreitung finden rechtsextreme Podcasts über verschiedene Kanäle. Spotify und YouTube sind die am meisten genutzten Dienste. Auch über reine Podcast-Plattformen werden einige öffentlich zugänglich gemacht. Vereinzelt sind zudem Versuche zu beobachten, randständigere Plattformen wie Twitch, BitChute oder DLive in die eigene Strategie einzubinden. Beworben werden die Podcasts und einzelne Episoden über reichweitenstarke Seiten sowie Profilen von Social-Media-Diensten, darunter solch beliebten und jugendaffinen wie Instagram. Zur Werbestrategie gehört auch das gegenseitige Einladen und Bewerben der Podcaster:innen. So tauchen immer wieder Querverweise auf und dieselben Personen sind in unterschiedlichen Produktionen immer wieder zu hören.

Ziel ist, ganz im Sinne eines „Kulturkampfes von rechts“ (einem Schlagwort der Neuen Rechten) ein mehr oder minder ausdifferenziertes Angebot rechtsextremer Podcast-Produktionen und -Präsenzen aufzubauen. Neben dem Vorteil, dass Podcasts ein trendiges, insbesondere bei jüngeren Menschen beliebtes Format ist, bieten sie den Vorteil, dass sie einfach und unaufwändig zu produzieren sind. Es braucht nur wenige technische Voraussetzungen und aufgrund ihrer Formungebundenheit kaum spezifisches Know-how bei der Gestaltung der Angebote.

Mehr noch machen sich Rechtsextreme das Format auch aufgrund seiner Möglichkeiten zu eigen, auf die Meinungsbildung ihrer Hörer:innen einzuwirken. Podcast können eine persönliche, fast schon intime Kommunikationsebene simulieren. Während die Produzierenden ihre Gedanken ohne äußere Störungen in aller Breite entwickeln und im Gespräch ausformulieren können, haben die Hörer:innen zuweilen das Gefühl, an diesen zumindest passiv beteiligt bzw. Teil der vermeintlich intimen Situation zu sein. Gerade in der häufigen, regelmäßigen Begegnung mit den Podcaster:innen und deren Einbezug der Nutzer:innen etwa in der Ansprache werden diese zu einem Bestandteil des Alltags. So kann eine Art der gefühlten Verbundenheit entstehen.

In der Sozialpsychologie ist in diesem Zusammenhang von einer „parasozialen Interaktion“ die Rede, aus der eine „parasoziale Beziehung“ werden kann. Während hierin einerseits auch Chancen beispielsweise für Antidiskriminierungs- oder Präventionsarbeit liegen, machen sich Rechtsextreme diesen „Mechanismus“ zunutze: Wem man sich verbunden fühlt, dem gegenüber ist man auch offener für die vorgetragenen Behauptungen und Sichtweisen. Entsprechend wirkungsvoll kann die über das Podcast-Format verbreitete, rechtsextreme Propaganda Einfluss auf Meinungsbildungsprozesse besonders auch junger Menschen nehmen.

Mehr zum Thema Podcasts

Videoaufzeichnung des Panels Rechtsextremes Propagantainment: Podcasts and Videoformate (Fachtagung „Hass attraktiv: Formen und Formate extremistischer Online-Propaganda“)