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Telegram: Zwischen Gewaltpropaganda und „Infokrieg“

Telegram als zentrale Ausweich­plattform für Rechtsextreme

Schon seit 2017 ist eine stetig wachsende Nutzung des Messenger-Dienstes Telegram durch rechtsextreme Akteure und Gruppierungen in Deutschland wie international zu beobachten. Besonders über das Jahr 2019 lässt sich ein rasanter Anstieg einschlägiger Aktivitäten verzeichnen. Waren Ende 2017 eher einzelne, zuvorderst an Kampagnen orientierte Kanäle Teil des kontinuierlichen Monitorings rechtsextremer Angebote bei jugendschutz.net, sind es mittlerweile fast 500, Tendenz rasant steigend. Die reichweitenstärksten deutschensprachigen Kanäle mit rechtsextremen Inhalten haben dabei über 120.000 Mitglieder. Täglich werden im Durchschnitt mehrere 10.000 neue Inhalte produziert und veröffentlicht.

Aufgrund von Löschungen und einem als stärker empfundenen Repressionsdruck auf anderen Plattformen nutzen Rechtsextreme immer häufiger auch vermeintlich verfolgungsfreie und weniger öffentliche Dienste und verlegen ihre Hauptaktivitäten ins sogenannte „Dark Social“. Telegram gewinnt dabei zunehmend an Relevanz für die rechtsextreme Medienstrategie.

Während einige rechtsextreme Akteure und Gruppierungen ihre Telegramkanäle und -gruppen offensiv über die reichweitenstarken Angebote auf anderen Social-Media-Plattformen wie beispielsweise YouTu­be, Instagram oder Facebook bewerben, haben sich im Laufe der Zeit auch solche gebildet, die ausschließlich via Telegram agieren. Zu finden sind diese über die interne Suche, besonders aber durch Verlinkungen in anderen Chats und Kanälen. Insgesamt ist Telegram so zu einem zentralen Element rechtsextremer Medien- und Vernetzungsstrategie geworden.

Mehr als nur ein Messenger: Kanäle, Gruppen und ihre Funktionen

Zu unterscheiden sind auf Telegram vor allem Kanäle und Gruppen: Mitglieder in Kanälen können Posts liken, kommentieren und an Umfragen teilnehmen, jedoch keine eigenen Inhalte posten. Sie funktionieren daher stärker unidirektional und dienen der Person, die den Kanal betreibt, der möglichst störungs- und widerspruchsfreien Verbreitung von Inhalten.

In Gruppen hingegen tauschen sich Userinnen und User im direkten Kontakt miteinander aus, sowohl mit anderen Mitgliedern wie auch mit den Admins. Hier steht vor allem die Vernetzung im Vordergrund. Viele rechtsextreme Gruppen umfassen Mitglieder im niedrigen dreistelligen Bereich. Einige jedoch versammeln weit über 1.000 Personen, einige wenige gar über 10.000.

Mit der Entwicklung vielfältiger Funktionen, die Rechtsextreme rege nutzen, ist Telegram mittlerweile mehr als ein bloßer Messenger: Mit Kommentarfunktion, Umfragetools, Bild- und Datentransfer, Sprach- und Videoposts sowie reichweitenstarken Kanälen und sehr großen Gruppen funktioniert Telegram mehr und mehr wie ein eigenes soziales Netzwerk.

Vielfältiges Angebot: Rechtsextremer Tummelplatz

Entsprechend der breiten Nutzungsmöglichkeiten sowie der wachsenden Zahl an Nutzerinnen und Nutzer des Dienstes – täglich ca. 7,8 Millionen aktive im deutschsprachigen Raum – gewinnt Telegram für Rechtsextreme aus verschiedenen Spektren und mit unterschiedlichen Inhalten an Attraktivität.

So finden sich auf Telegram Kanäle bekannter rechtsextremer Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener Couleur genauso wie von rechtsextremen Parteien. Kader der Identitären Bewegung haben Telegram bereits recht früh in ihre Medienstrategie eingebunden. Parteien wie die NPD, Die Rechte oder Der III. Weg sind ebenfalls mit Kanälen auf Telegram präsent und verbreiten dort ihre Propaganda.

Daneben finden sich Kanäle und Gruppen aus dem Bereich der sogenannten „Reichsbürger“, rechtsextreme Onlineshops, Musiklabels, Bands und „alternative Medien“ bis hin zu rechtsterroristischen Gruppierungen. Besonders seit der Corona-Krise legten Gruppen und Kanäle, die Verschwörungserzählungen propagieren, massiv zu.

Rechtsextreme suggerieren Privatheit, Nähe und Exklusivität

Der Kanal des österreichischen Identitären Martin Sellner zählt zu den größten deutschsprachigen rechtsextremen Channels. Fast 50.000 Userinnen und User folgen ihm hier, täglich erreicht er mit durchschnittlich elf Posts ca. 150.000 Personen. Vorrangig teilt er Links zu seinen YouTube-Videos, Content der Identitären Bewegung oder anderer rechtsextremer Akteure sowie Artikel „Alternativer Medien“. Sellner betitelt nicht nur seinen Kanal mit dem Zusatz „TELEGRAMELITE“, sondern spricht seine Gefolgschaft hier häufig selbst als „Elite“ an. Dahinter steckt Kalkül.

Ziel einer solchen Ansprache, die in ähnlicher Form auch bei weiteren Kanälen und deren Bewerbung auf anderen Plattformen zu beobachten ist, ist es, Nähe und Exklusivität zu suggerieren. Entsprechend finden sich auch Inhalte, die nur via Telegram verbreitet werden: Kurze Kommentare zu aktuellen Ereignissen in Form von Texten oder Live-Videos, Einblicke ins vermeintliche Privatleben bis hin zu Einladungen zur direkten Kontaktaufnahme.

Telegram als Desinformationsquelle und Verschwörungsschleuder

Rechtsextreme Telegramkanäle fungieren für die Userinnen und User auch als Quelle für vermeintliche Nachrichten. Über den Messenger werden Artikel und Videos, vor allem von sogenannten „Alternativen Medien“, massenhaft verbreitet. Aber auch darüber hinaus finden sich angeblich „neutrale“ oder „aufdeckende“ Informationen einzelner rechtsextremer Influencerinnen und Influencer sowie Meldungen herkömmlicher Medien, soweit sich mit ihnen die eigene ideologische Sichtweise stützen lässt. Alles, was ins eigene Weltbild passt, hat die Chance auf große Resonanz.

Besonders im Kontext aktueller Ereignisse ist zu beobachten, wie sehr Telegram auch zur Verbreitung rechtsextremer Desinformationen und Verschwörungserzählungen beiträgt, und dies nicht erst seit der Corona-Pandemie. Als beispielsweise an Rosenmontag 2020 ein 29-Jähriger mit seinem Auto in einen Karnevalszug im nordhessischen Volkmarsen fuhr und über 150 Personen teils schwer verletzte, verbreitete sich die Meldung, es handle sich um einen islamistischen Anschlag, via Telegram besonders schnell. Selbst nach klarem Widerspruch durch Mitteilungen von Polizeibehörden und Staatsanwaltschaft wurde das Narrativ weitergetragen, auch auf die großen Social-Media-Plattformen Facebook und YouTu­be.

Telegram ist so ein zentraler Dienst bei der Verbreitung von Desinformationen geworden. Dies liegt auch daran, dass in einem Großteil der Kanäle Verschwörungserzählungen unwidersprochen gepostet werden. Dabei wird den über Messenger geteilten Beiträgen eine besonders hohe Glaubwürdigkeit und Authentizität zugeschrieben. Kanäle mit entsprechenden Inhalten konnten während der Corona-Krise einen Zuwachs von über 100 Prozent verzeichnen. Selbst ein neuangelegter Kanal wuchs in dieser kurzen Zeit auf über 60.000 Mitglieder an.

Schnelle und einfache Verbreitung von Gewaltvideos

Neben Texten und Verlinkungen externer Angebote bietet Telegram auch die Möglichkeit, eigene Medien in den Kanälen und Chatgruppen verfügbar zu machen. So finden sich bei einigen Kanälen ganze Sammlungen mit tausenden rechtsextremen Memes, Bildern, Text- und Musikdateien. Auch Videos werden besonders stark rezipiert, darunter viele, die explizite Darstellungen von Gewalt beinhalten. Die einzelnen Inhalte können einfach geteilt oder runtergeladen werden. Von den so gegebenen Möglichkeiten zur Weiterverbreitung wird rege gebraucht gemacht.

Dies zeigt sich vor allem bei Videos, die Bezug auf aktuelle Ereignisse nehmen und folglich massenhaft gepostet werden. Das vom Attentäter des rechtsterroristischen Anschlags in Halle aufgenommene Video, das ihn bei der Begehung seiner Tat zeigt, fand sich in unzähligen Ausführungen auf Telegram, während es auf anderen Plattformen rasch und immer wieder gelöscht wurde. Genauso wie das Video des Attentäters von Christchurch ist es nach wie vor, trotz zahlreicher Meldungen, weiterhin dort verfügbar.

Auch Videos, die Prügelszenen, Ermordungen oder Hinrichtungen und ihre Folgen zeigen, finden sich auf Telegram. Eingebunden in ein rechtsextremes Narrativ sollen sie zuvorderst die Emotionen der Rezipierenden ansprechen. Sie sollen Angst und Hass erzeugen und so zu Reaktionen bis hin zu Gewalttaten anstacheln.

Schaltzentrale und Knotenpunkt für den „Infokrieg“

Rechtsextreme begreifen das Netz als ein Aktionsfeld, in dem sie durch konzertierte Kampagnen, organisierte Shitstorms oder kollektiver Themen(be)setzung öffentliche Diskurse gezielt zu verschieben suchen. Die verstärkte Nutzung von Telegram durch Rechtsextreme seit Ende 2017 dient dazu, Material, Anleitungen und Strategien für den selbsterklärten „Infokrieg“ bereitzustellen. Die Kanäle dienen als wichtige Schaltzentrale und Räume der Planung und Koordinierung.

Hier werden politische Gegenrinnen und Gegner sowie andere, den Rechtsextremen unliebsame Personen zu Zielscheiben erklärt. Durch die umfangreichen Dateisammlungen und multimediale Nutzung des Dienstes wird das Material direkt mitgeliefert: Unzählige verhetzende Memes stehen den Userinnen und User zur Verfügung.

Daneben ist Telegram ein wichtiger Knotenpunkt, der zum einen rechtsextreme Akteure aus unterschiedlichen Spektren zusammenführt, zum anderen auch eine internationale Vernetzung stärkt. Das Teilen von Inhalten anderer Userinnen und User sowie besonders anderer Kanäle ermöglicht es, schnell eine Fülle an weiteren Kanälen zu entdecken. So leiten Links oder geteilte Inhalte über wenige Klicks in ein ganzes Netzwerk rechtsextremer Angebote.

Rechtsterroristische Propaganda: Gewaltsame Eskalation als Ziel

Telegram gilt bei Rechtsextremen als „sicherer Hafen“. Entsprechend finden sich dort auch Inhalte, die offen Menschenverachtung und Gewalt propagieren. Hier werden rechtsterroristische Anschläge bejubelt, die Attentäter glorifiziert und Nachahmungstaten bestärkt. Die Reihe von rechtsterroristischen Anschlägen 2019, von Christchurch über Poway und Bærum bis Halle und Hanau, wurden als Auftakt zum „Tag X“ gedeutet: So sei es an der Zeit zu handeln und mit terroristischen Gewalttaten einen Bürgerkrieg auszulösen, aus welchem Rechtsextreme als Sieger hervorgehen würden.

Selbst in öffentlich zugänglichen Gruppenchats wird offen und explizit über mögliche Anschläge auf Personen und Orte diskutiert. Darüber hinaus vernetzen solche Kanäle über Grenzen und Kontinente hinweg Menschen, die für diese Gewaltpropaganda empfänglich sind, was einer weiteren Radikalisierung Vorschub leisten kann. Immer wieder tauchen in offen rechtsterroristischen Gruppen auch Querverbindungen und Hinweise auf deutsche Userinnen und User auf, beispielsweise durch deutschsprachige Inhalte
oder geteilte Posts.

Mangelnde Reaktion trotz massiver Verbreitung verstoßender Inhalte

Öffentliche Kanäle, Sticker und Bots können durch die in der App integrierte Funktion ohne größeren Aufwand oder per E-Mail gemeldet werden. Und nach eigener Darstellung in den FAQ löscht Telegram öffentliche illegale und terroristische Inhalte auch, wenngleich sie ausdrücklich kein „Teil politisch motivierter Zensur“ sein wollen.

Die bisherigen Erfahrungen von jugendschutz.net zeigen jedoch, dass die Plattform auf die Meldung von rechtsextremen Kanälen, Gruppen oder Einzelinhalten in aller Regel nicht reagiert, selbst wenn die Meldungen klare Verstöße gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) wie verbotene Kennzeichen, Aufrufe zur Gewalt, Holocaust-Leugnungen, Volksverhetzungen oder Gewaltdarstellungen betreffen. Somit werden auch die eigenen, sehr knappen „Terms of Service“, in denen es heißt, dass in öffentlichen Kanälen keine Inhalte verbreitet werden dürfen, die Gewalt befürworten, nicht umgesetzt.

Im Rahmen dieser Schwerpunktrecherche ging jugendschutz.net gegen 206 Inhalte mit 218 Verstößen vor. Gegen drei Kanäle wurde ein medienaufsichtsrechtliches Verfahren eingeleitet. Ein Angebot wurde aufgrund einer konkreten Gefährdungslage an das Bundeskriminalamt abgegeben. Die übrigen 202 Maßnahmen betrafen Meldungen direkt an Telegram.

In lediglich 10,7 % der Fälle wurden absolut unzulässige Inhalte nach einer Usermeldung gelöscht. Dabei wurden auch zwei rechtsterroristische Kanäle, in denen eine Fülle an Verstößen zu finden war, entfernt. Auf Meldungen via E-Mail und mit Hinweis auf den gesetzlichen Auftrag von jugendschutz.net erfolgte seitens Telegram keine Reaktion. Die bisherigen Erfolge gegen unzulässige Inhalte bei Telegram sind so lediglich sporadisch und ohne erkennbare Logik hinter den Löschaktivitäten.

Kinder und Jugendliche schützen: Druck auf Anbieter erhöhen

Mit täglich fast 8 Millionen Nutzerinnen und Nutzern in Deutschland erreicht Telegram zwar noch nicht die Popularität vergleichbarer Messenger-Dienste. Auf die enorm wachsende Beliebtheit dieser Kommunikation gerade bei jungen Userinnen und Usern weisen indes Studien zur Mediennutzung hin. Exemplarisch hierfür ist auch die vorrangig von jungen Menschen getragene Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland, für deren Vernetzung WhatsApp, aber auch Telegram genutzt wird.

 

Kontaktrisiken für Kinder und Jugendliche ergeben sich schon aus der Fülle an absolut unzulässigen Inhalten in Kombination mit den einfachen Suchfunktionen und Vernetzungs- sowie Share-Möglichkeiten. Dass Telegram mit Push-Nachrichten Userinnen und User quasi dauerhaft im Kontakt hält und der Dienst zunehmend Funktionen eines sozialen Netzwerkes erfüllt, steigert noch das enorme Gefährdungspotenzial. Mit der wachsenden Beliebtheit von „Dark Social“ insbesondere bei jungen Userinnen und Usern ist hier hoher Handlungsbedarf vorhanden.
 

Meldungen von Verstößen, die junge Menschen direkt ängstigen, verstören und gefährden können, führten zu keinem Erfolg. Ein zuverlässiger Kontakt konnte bisher nicht aufgebaut werden. Dass öffentlicher Druck zumindest Anstoß sein kann, zeigen die Erfahrungen: Telegram stand schon seit einigen Jahren in der Kritik, weil der sogenannte „Islamische Staat“ den Dienst massiv für seine Propaganda und zur Rekrutierung nutzte und nutzt. Gegen diese Inhalte geht der Anbieter mittlerweile auch proaktiv vor und zeigt somit, dass die Wahrnehmung der eigenen Verantwortung zumindest eine mögliche Alternative ist.