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Volle Dröhnung Hass auf allen Kanälen

Musik als Teil der rechtsextremen Erlebniswelt online

Musik ist ein integraler Bestandteil rechtsextremer Propaganda. Sie übernimmt dabei gleich mehrere Funktionen. So sollen u.a. rechtsextreme Weltbilder über das Mittel der Musik emotional und eingängig an geneigte Hörerinnen und Hörer herangetragen werden. Mit Szene-Bands, Konzerten und Festivals sowie Labels und Shops werden zudem nicht nur rechtsextreme Strukturen finanziert. Eigene „Gassenhauer“, Codes und Marken stellen vielmehr ein Identitätsangebot dar und sind ein zentrales Element der rechtsextremen Erlebniswelt.

Diese rechtsextreme Erlebniswelt ist zu weiten Teilen auch eine Onlinewelt. Nicht verwunderlich ist es daher, dass rechtsextreme Musik auch online verbreitet und verkauft wird. Rechtsextreme Musikevents werden im Netz beworben und Webshops bieten die passende Kleidung dazu an. Multimediale Plattformen und Streamingdienste werden zur Verbreitung und Vermarktung genutzt. Über jugendaffine Kanäle inszenieren sich die Musikerinnen und Musiker als nahbare „Stars“. 

Genrevielfalt: Andocken an jugendliche Hörgewohnheiten

Das Angebot an rechtsextremer Musik im Netz hat sich, wie die Szene insgesamt, in den letzten Jahren stark ausdifferenziert. Schon lange ist der klassische "Rechtsrock", wie er von Bands wie "Landser" oder "Stahlgewitter" bekannt ist, nicht mehr die einzige Spielart, wenngleich noch von großer Bedeutung. Auch Hardcore-Punk (NSHC) oder Black Metal (NSBM) sind beliebte Genres, an denen sich rechtsextreme Bands bedienen. Ebenso werden Neofolk oder elektronische Musik genutzt. Nicht zuletzt hat Rap, eines der beliebtesten Musikgenres gegenwärtiger Jugendkultur, final Einzug in die rechtsextreme Propaganda gehalten.

Subtil vs. drastisch: Inhaltliche Dimensionen

Rechtsextreme Musik kann inhaltlich sehr unterschiedliche Ausprägungen annehmen. Denn sie ist nicht immer offen gewaltverherrlichend oder volksverhetzend. Um strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen oder größere Reichweiten erzielen zu können, bewegt sich ein nicht geringer Teil unterhalb der Schwelle zum Verstoß und verzichtet auf drastische Inhalte. Auch wird mit Anspielungen oder vermeintlicher Ironie gearbeitet, um die Zuhörerschaft zu erreichen, gleichzeitig aber selbst weniger angreifbar zu sein.

Auf der anderen Seite gibt es eine Fülle rechtsextremer Musik, die Gewalt befürwortet, konkrete Drohungen äußert oder Vernichtungsfantasien zum Inhalt hat. Geprägt von Rassismus, offenem Antisemitismus und der Verherrlichung des Nationalsozialismus wendet sie sich stärker an die Szene selbst. Sie setzt auf Provokation als Mittel und kann gleichsam Enthemmungs- und Radikalisierungstendenzen befeuern.

Labels und „Stars“: Social-Media-Mix zur Eigenvermarktung

Das Netz ist für rechtsextreme Musik auch ein Promotionkanal. Szenelabels bewerben auf ihren Social-Media-Profilen die neuesten Tonträger und Klamotten, Veranstalter ihre Konzerte und Festivals, Bands ihre Musik. Verlinkt wird häufig auf Webshops, wo neben CDs und Merch auch rechtsextremes Propagandamaterial in Form von Broschüren, Stickern und Fahnen oder frei verkäufliche Schutzausrüstung und Waffen verkauft werden.

Social-Media-Dienste erlauben es auch rechtsextremen Musikerinnen und Musikern ohne die Professionalität eines Szenelabels ihre Musik und auch sich selbst zu promoten. Auf Instagram beispielsweise inszenieren sie sich als nahbare Stars, in Streams via YouTube stellen sie sich den Fragen ihrer Fans, in ihren Telegram-Kanälen gibt es vermeintlich exklusive Einblicke.

Auch Mitmach-Kampagnen werden hier gestartet: Durch die Unterstützung seiner Gefolgschaft konnte beispielsweise der rechtsextreme Rapper „Chris Ares“ kurzfristig in Download- und Streaming-Charts einsteigen ­– teilweise auf Platz 1 – und so seinen Bekanntheitsgrad ausbauen.

Verbreitungswege rechtsextremer Musik online

So vielfältig die musikalischen Formen und inhaltlichen Dimensionen rechtsextremer Musik sind, so unterschiedlich sind die Verbreitungswege im Netz. Neben dem professionalisierten Marketing durch Szenelabels sowie Produzentinnen und Produzenten, sind es zunehmend auch die Musikerinnen und Musiker selber sowie ihre "Fans", die für die Verbreitung rechtsextremer Musik sorgen. Dabei sind es nicht nur Likes und Shares, Streams und Downloads, die hier eingesetzt werden.

Die Möglichkeiten, eigene audio(visuelle) Inhalte hochzuladen – ein zentrales Feature der meisten Social-Media-Dienste –, wird rege genutzt. So finden sich auf nahezu allen Plattformen Inhalte mit Bezug zu rechtsextremer Musik. Insbesondere im Kontext von „user generated content“ finden sich häufig auch verstoßende Inhalte. Neben der Nutzung von Social Media zur Vernetzung und Eigenvermarktung spielen einige Plattform eine zentrale Rolle bei der direkten Verbreitung rechtsextremer Musik.

Musikstreamingdienste: Spotify, Deezer und Co.

Musikstreamingdienste sind insbesondere unter jungen Menschen beliebt. Dienste wie Spotify, Deezer oder Amazon Music sind zu einem wichtigen Bestandteil jugendlicher Lebenswelten geworden. Auch rechtsextreme Labels versuchen hier, ihre Inhalte zu platzieren und so einem jungen Publikum zugänglich zu machen.

Neben Veröffentlichungen von einschlägigen Rechtsrockbands wie "Stahlgewitter", "Übermensch" oder "Anthrazit" finden sich Musikstücke von rechtsextremen Rappern wie "Chris Ares". Auch beliebte internationale Bands, die einem rechtsextremen Umfeld entstammen, sind auf den Plattformen leicht zu finden. Durch die Funktionen "Ähnliche Künstler" oder auch direktere Vorschlagsalgorithmen wie personalisierte "Radios" besteht die Gefahr, dass rechtsextreme Bands in die Playlist gespült werden. So werden auch jungen Userinnen und Usern entsprechende Bands und rechtsextreme Propaganda nahegebracht, die zunächst gar nicht danach gesucht hatten.

Wenngleich sich bei den Musiktiteln selbst keine Verstöße gegen Jugendmedienschutzbestimmungen finden lassen, untersagen die Nutzungsrichtlinien der Dienste eigentlich das Verbreiten rechtsextremer Musik. Mit Blick auf Inhalte, die von Userinnen und Usern selbst erstellt werden können, z.B. Playlistnamen, -titelbilder und -beschreibungen, findet sich eine Fülle an massiven Verstößen. Verbotene Kennzeichen, volksverhetzende Aussagen oder Leugnungen des Holocaust sind hier zu finden.

Die Reaktionen der Dienste auf Meldungen durch jugendschutz.net sind hingegen unzureichend: Von 55 absolut unzulässigen Inhalten auf Spotify wurden nur 30, also gut die Hälfte entfernt. Deezer entfernte keinen der gemeldeten Inhalte.

Reichweitenstarke Videos: Rechtsextreme Musik auf YouTube

YouTube ist eine zentrale Plattform für rechtsextreme Propaganda. Sie ist nicht nur eine der am meisten genutzten Plattformen bei jungen Menschen; über sie können rechtsextreme Videos hohe Reichweiten erzielen. Und auch Musik von rechtsextremen Interpreten und Bands wird über YouTube verbreitet.

Dabei lassen sich auch immer wieder unzulässige Lieder von indizierten Alben, Musikvideokollagen mit Kennzeichen verbotener Organisationen und volksverhetzende Kommentare finden. Problematisch ist daneben auch der Vorschlagalgorithmus: Ein rechtsextremes Musikvideo führt zum nächsten. Ehe man sich versieht, werden immer wieder ähnliche Inhalte vorgeschlagen.

Insgesamt kann via YouTube rechtsextreme Musik weite Verbreitung finden. Beliebt sind insbesondere Musikvideos rechtsextremer Rapper, aber auch Parodien unter Jugendlichen bekannter Popsongs durch Anhängerinnen und Anhänger der „Identitären Bewegung“, die in kurzer Zeit zehntausende Userinnen und User erreichen. Nicht zuletzt sind, auch trotz zahlreicher Löschungen, „klassisches“ Liedgut des Nationalsozialismus sowie indizierte Rechtsrock-Titel auf YouTube vertreten. Im Rahmen der Recherche entfernte YouTube alle gemeldeten Verstöße.

Ausweichplattformen I: SoundCloud und Vimeo

Aufgrund von Löschungen durch die großen Diensteanbieter wegen Verstößen gegen rechtliche Bestimmungen oder die eigenen Nutzungsbedingungen, sind Rechtsextreme auf der Suche nach (vermeintlich) verfolgungsfreien Ausweichplattformen. SoundCloud und Vimeo sind zwei Musik- bzw. Videostreamingdienste, die in der Szene beworben wurden und werden.

Auch auf SoundCloud kann rechtsextreme Musik bisweilen sehr hohe Reichweiten erzielen. Das nationalsozialistische Horst-Wessel-Lied beispielsweise wurde 100.000-fach abgespielt. Lieder der Band „Kategorie C“ haben zusammengenommen über eine Millionen Plays, und auch Musiktitel von bekannten Rechtsrock-Bands wie „Oidoxie“, „Sturmwehr“ oder „Landser“ erreichen via SoundCloud zehntausende Userinnen und User.

Die Videoplattform Vimeo wird bisweilen auch von rechtsextremen Musiklabels genutzt, um ihre Neuerscheinungen zu bewerben. So betrieb beispielsweise OPOS-Records, ein zentrales rechtsextremes Label, hier einen Kanal, nachdem der entsprechende You-Tube-Kanal gelöscht wurde. Ansonsten gelingt es rechtsextremer Musik auf Vimeo nicht, hohe Reichweiten zu erzielen. Lediglich vereinzelt fanden sich Videos von einschlägigen Rechtsrock-Bands, ihre Aufrufzahlen bewegten sich aber meist im zweistelligen oder niedrigen dreistelligen Bereich.

Auf beiden Plattformen fanden sich im Kontext rechtsextremer Musik auch verstoßende Inhalte. Sowohl indizierte Titel wie auch verbotene Kennzeichen waren die häufigsten Verstöße. Nach Hinweisen durch jugendschutz.net wurden die gemeldeten Inhalte zwar schnell und umfänglich gelöscht. Während bei Vimeo auch ein proaktives Vorgehen zu beobachten war und weitere rechtsextreme Musikvideos wie auch beispielsweise der Kanal von OPOS Records entfernt wurden, findet sich auf SoundCloud weiterhin eine Fülle rechtsextremer, volksverhetzender, NS-verherrlichender und indizierter Musiktitel.

Ausweichplattformen II: Dailymotion, VK und Telegram

Nochmal anders stellt es sich bei Plattformen, die als „sichere Häfen“ angesehen werden können, dar: Auch auf Dailymotion, einer mit YouTube vergleichbaren Videoplattform, findet sich eine Vielzahl rechtsextremer Musik, die hier auch ein großes Publikum ansprechen kann. Ein Video mit dem Lied „Rudolf Hess“ der Rechtsrock-Band „Landser“, in dem die NS-Größe als Märtyrer verehrt und der Nationalsozialismus verharmlost wird, wurde beispielsweise über 34.000-mal abgespielt.

Neben indizierten Musiktiteln von Rechtsrockbands ist auf Dailymotion auch eine Fülle an nationalsozialistischem Liedgut vorhanden. In vielen Videos, aber auch Profilen, die rechtsextreme Musik verbreiten, sind zudem verbotene Kennzeichen zu sehen. Auf die Hinweise zu verstoßenden Inhalten von jugendschutz.net reagierte der Anbieter indes nicht

Eine zentrale Plattform für die Verbreitung rechtsextremer, insbesondere indizierter Musik ist die russische Plattform VK. Hier existieren ganze Musiksammlungen voller Rechtsrock und Musiktitel, die Menschengruppen herabwürdigen und zum Mord aufrufen. Zudem finden sich Musikvideos, die mit drastischen Gewaltdarstellung und verbotenen Kennzeichen unterlegt sind.

Auch der Messenger-Dienst Telegram, der in den letzten Monaten und Jahren stark an Beliebtheit innerhalb rechtsextremer Szenen gewonnen hat, wird als Plattform zum Austausch von Musik genutzt. Neben der Verbreitung in rechtsextremen Kanälen und Chatgruppen existieren auch Kanäle, die einzig als Musiksammlung für Rechtsrock, NSBM und andere Spielarten rechtsextremer Musik dienen.

Trotz der vielen verstoßenden Inhalte und der massiven rechtsextremen Propaganda auf VK und Telegram zeigen die Anbieter keine Bemühungen, aktiv gegen die Nutzung als „sicherer Hafen“ durch Rechtsextreme vorzugehen.

Musikclips von Userinnen und Usern mit verstoßenden Inhalten: TikTok

Die Plattform TikTok ist in kurzer Zeit zu einer sehr beliebten unter jungen Menschen avanciert. Nach eigenen Angaben nutzen insgesamt über 5,5 Millionen Menschen aus Deutschland den Dienst und laden kurze Performance-Videos, hinterlegt mit Sprechsequenzen oder Musikschnipseln, von sich hoch.

Entsprechend finden sich auch hier Inhalte aus dem Kontext rechtsextremer Musik: Ausschnitte aus Liedern von bekannten Rechtsrockbands wie „Landser“, „Sleipnir“ oder „Übermensch“ finden sich ebenso wie neonazistische Balladenstücke oder rechtsextremer Rap. Auch sind szenetypische Kleidung oder Dekorationen in einigen Videos zu sehen. Profilnamen mit rechtsextremen Zahlencodes wie „1488“ sind ebenso wie in der Szene beliebte Hashtags, z.B. „#heimatliebeistkeinverbrechen“, keine Seltenheit.

Auch verstoßende Inhalte konnten im Rahmen der Recherche festgestellt werden. Meist handelte es sich hier um das Zeigen von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. TikTok entfernte die gemeldeten Verstöße allesamt rasch.

Gegenmaßnahmen: Diensteanbieter in die Pflicht nehmen

Bei rechtsextremer Musik, die durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert wurde, scheint es recht einfach zu sein: Ihre Verbreitung ist laut Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) untersagt und Diensteanbieter sind in der Pflicht, entsprechende Inhalte zu entfernen. Dabei zeigt die Recherche von jugendschutz.net aber, dass indizierte Musik leicht zu finden ist und bei einigen Anbietern hier weiterhin hoher Handlungsbedarf besteht.

Insbesondere mit Blick auf User-generated content wird deutlich, dass Diensteanbieter stärker in die Pflicht genommen werden müssen, die über ihre Plattformen verbreiteten Inhalte zu moderieren und wirksame Mechanismen zu etablieren, um Verstöße schnell und nachhaltig zu entfernen.  

Bei rechtsextremer Musik, die keine rechtlichen Normen überschreitet, gilt es, die Diensteanbieter auch für die subtilen Propagandaformen zu sensibilisieren. Dem Missbrauch ihrer Plattformen als Katalysatoren rechtsextremer Propaganda können sie mit klaren Nutzungsbedingungen und konsequentem Handeln entgegentreten. Notwendig hierfür ist auch, Meldewege zu vereinfachen und Hilfestellungen für Userinnen und User leicht auffindbar zu gestalten.

Aufklärung und digitales Engagement notwendig

Gerade mit Blick auf die nicht selten subtilen Formen rechtsextremer Musik braucht es Aufklärung über rechtsextreme Weltbilder, antisemitische Verschwörungstheorien sowie sprachliche und bildliche Codes der Szene. Besonders junge Menschen sind gefährdet, wenn es um subtilere Botschaften geht: Verkleidet in musikalisch populäre Formen und einer Ästhetik, die an jugendliche Hör- und Sehgewohnheiten andockt, braucht es die notwendigen Kompetenzen zur kritischen Reflexion der dargebotenen, rechtsextremen Ideologiefragmente.

Nicht zuletzt geht es darum, junge Userinnen und User dazu zu befähigen, nicht nur rechtsextreme Musik im Netz zu erkennen, sondern auch Handlungsoptionen zu entwickeln. Neben dem direkten Widerspruch beispielsweise in Form von Kommentaren kann auch das Melden von Inhalten eine Möglichkeit sein, sich gegen die Verbreitung rechtsextremer Musik einzusetzen. Bei jedem Engagement darf jedoch nicht die eigene Sicherheit sowie Achtsamkeit in Bezug auf die eigenen Kräfte in Vergessenheit geraten.