Islamismus

Dschihadistische Propaganda mit Kindern

Terroristen als Kümmerer: Süßigkeiten für die Kleinen

Ein wichtiges Narrativ dschihadistischer Gruppen im Allgemeinen und des "Islamischen Staats" im Besonderen ist es, sich als die "Guten" darzustellen. Zahlreiche Bilder und Videos, die über die verschiedenen Sozialen Netzwerke und Videoplattformen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, sollen das untermauern.

Zu sehen sind Anhänger des neuen "Kalifats" beim Überreichen von Süßigkeiten, Spielsachen, Kleidung und Nahrungsmitteln an Kinder in den vom "IS" besetzten Gebieten in Syrien und dem Irak. Andere Videos zeigen, wie Dschihadisten Events veranstalten, bei denen Kinder Karussell fahren, Tauziehen und "Reise nach Jerusalem" spielen.

Mitglieder des "Islamischen Staats" aus dem deutschsprachigen Raum: Wohltätigkeiten für Kinder in Syrien. (Quelle: YouTube; Original unverpixelt)

Die Islamisten inszenieren sich in diesen Darstellungen als Beschützer und Versorger. Vermittelt wird die Botschaft, der "Islamische Staat" gewährleiste Sicherheit und das Wohlbefinden von Kindern. Auch Dschihadisten aus Deutschland sind in diesen Videos zu sehen. Sie stellen sicher, dass die Narrative vom "Kümmerer" und dem "gerechten" Kampf das heimische Publikum erreichen, um dort neue Anhänger zu gewinnen.

Schule im Kalifat: Indoktrination und Drill an der Waffe

Um zu beweisen, dass man in der Lage ist, staatliche Funktionen und Leistungen umzusetzen, hat der "Islamische Staat" Bilder und Videos von Kindern in der Schule veröffentlicht. Gezeigt werden 7- bis 13-Jährige in Schulbussen oder – getrennt nach Geschlechtern – beim Koranunterricht. Die "Lehrer" lassen keinen Zweifel daran, dass nur die Interpretationen des "IS" gelehrt werden.

Zum Lehrplan gehören auch körperliche Ertüchtigungen und militärisches Training. Eingekleidet in Tarnuniformen heben die Kinder Gewichte, machen Liegestütze und Situps. Auf Ringermatten üben sie den Nahkampf, anschließend trainieren sie das Schießen mit Sturmgewehren. Nach seinem Ziel für die Zukunft gefragt, antwortet ein 12-Jähriger in einem Video: "Ich werde derjenige sein, der euch schlachten wird, oh Ungläubige".

Kinder beim Drill an der Waffe: Signal für die Kampfbereitschaft der jungen Generation. (Quelle: Twitter; Original unverpixelt)

Mit der Verbreitung solcher Videos signalisiert der "IS", dass die nächste Generation Dschihadisten bereits herangezogen wird. Die Filme dienen aber auch dazu, den Druck auf potentielle Rekruten zu erhöhen: Dass angeblich selbst Kinder bereit sind, für Gott und ihre "Glaubensgeschwister" zu kämpfen und zu sterben, soll vor allem männliche Jugendliche animieren, sich der Organisation anzuschließen.

Kinder als Soldaten: Kampf an der Front, Selbstmordattentäter, Henker

Kinder werden auch an vorderster Front für den brutalen Terror des "Islamischen Staats" eingesetzt. Der "IS" glorifiziert sie als Kämpfer, Henker, Selbstmordattentäter und missbraucht sie für Propagandazwecke. Ihr Wohl ist den Zielen der Organisation vollkommen untergeordnet, auch wenn das Gegenteil behauptet wird.

Im Social Web kursierte beispielsweise das Bild eines bewaffneten Jungen, von dem behauptet wurde, er sei als 13-Jähriger der jüngste im Kampf getötete, französische Dschihadist. In einem Propaganda-Video des "IS" wird das Selbstmordattentat eines nicht viel Älteren verherrlicht, der ein mit Sprengstoff beladenes Vehikel in eine feindliche Stellung gefahren und zur Detonation gebracht haben soll.

Propaganda-Video des IS: Junge exekutiert mutmaßlichen Spion. (Quelle: Vine; Original unverpixelt)

Der "Islamische Staat" hat zudem viele Videos veröffentlicht, die Hinrichtungen auf grausame Weise in Szene setzen. In einigen werden die Exekutionen durch 12- bis 14-jährige Jungen durchgeführt. Die zugehörige Propaganda: Die Opfer seien feindliche Spione, die Tötung somit legitim und notwendig gewesen.

Die Instrumentalisierung von Kindern als Henker soll zeigen, wie entschlossen und überlegen die Terrororganisation ist. Schrecken und Schockwirkung, die Hinrichtungsvideos generell erzeugen, werden dadurch noch weiter gesteigert.

Tote Säuglinge und Kleinkinder: Opfer der Feinde des "Kalifats"

Auch Bilder und Videos leidender und toter Kinder werden häufig von Islamisten instrumentalisiert. Appelliert wird dabei gezielt an Empathie, Gerechtigkeitssinn und Beschützerinstinkt. Kombiniert mit Aufrufen, sich dem militanten "Dschihad" anzuschließen, erhofft man sich neue Rekruten und Sympathisanten. Dabei wird auch konkret zu Anschlägen in westlichen Staaten oder zur Beteiligung an den Kämpfen in Syrien und dem Irak aufgerufen – in dschihadistischer Sicht geeignete Mittel, die Glaubensgeschwister zu rächen oder zu beschützen.

Beispielsweise hat der "Islamische Staat" im Social Web Bilder und Videos verbreitet, die beweisen sollen, dass eine Neugeborenenstation auf "IS"-Territorium bei Luftschlägen der USA getroffen wurde. Zu sehen sind zerfetzte Brutkästen, Babyleichen mit zum Teil sehr schweren Verwundungen und viel Blut. Die Geschichte ist nicht verifizierbar, die Propaganda lässt jedoch keinen Zweifel daran, was geschürt werden soll: Wut und Abneigung gegen den Westen und seine Partner, Zustimmung und Zuspruch für den "Islamischen Staat".

Dass diese Propaganda wirkt, zeigte sich auf zahlreichen islamistischen Profilen im Social Web. Vor allem dann, wenn sie mit Gräuelbildern von toten Kindern untermauert wird, entfaltet sie sich in die Breite, führt auch in gemäßigten Kreisen zu Sympathiebekundungen gegenüber dem "IS" und ruft hasserfüllte Kommentare gegen den Westen hervor. Gerade Jugendliche tendieren dazu, den mit Propagandabotschaften versehenen Schockdarstellungen Glauben zu schenken.

Viraler-Effekt: Kinder als dschihadistische Ikonen

Die Möglichkeit des tausendfachen Teilens und Likens führt im Social Web dazu, dass Darstellungen viral und zu Kultbildern stilisiert werden können. Innerhalb des Propagandanetzwerks des "IS" ist zu beobachten, wie Kindern zu dschihadistischen Ikonen werden. Sie werden beispielsweise als Profilbilder in Twitter-Accounts verwendet oder in die eigene Timeline bei Facebook eingebunden.

In einigen Fällen sind es anrührende Szenen, die eine emotionale Bindung zum "IS" herstellen sollen, zum Beispiel wie ein Kleinkind einen toten Dschihadisten auf die Stirn küsst. Hauptsächlich aber handelt es sich um Bilder bewaffneter Mädchen und Jungen, die Stärke und Kampfbereitschaft ausdrücken. Sogar Aufnahmen von Babys neben Sturmgewehr und "IS"-Symbol dokumentierte jugendschutz.net. Die überhöhte Darstellung signalisiert: Selbst unschuldige Kinder seien bereit, ihr Leben zu opfern. Solche Ikonen können Radikalisierungstendenzen verstärken.
 

Kinder mit Sturmgewehren: Druck auf Ältere, sich dem Kampf anzuschließen. (Quelle: Facebook; Original unverpixelt)

Datum:
20.10.2016

Zusammenfassung

In der Online-Propaganda militant-islamistischer Gruppen wie dem "Islamischen Staat" (IS) spielen Kinder eine zentrale Rolle – als Scharfrichter, Selbstmordattentäter, aber auch als Opfer von Unrecht und Gewalt. In anderen Filmen inszeniert sich der IS als "Kümmerer", der Süßigkeiten an Kinder verteilt und für ihre Bildung sorgt. Die Beiträge haben eines gemeinsam: Sie missbrauchen Kinder für dschihadistische Propaganda, setzen dabei auf Emotionalisierung und erzielen so Reichweite.