Islamismus

Islamistische Propagandavideos im Netz

Leidensbilder und Gräuelvideos schüren Hass

Islamistische Propagandavideos setzen auf eine emotionalisierende Wirkung und die unmittelbare Ansprache der Rezipienten. Mit Bildern, die tote Kinder, schmerzverzerrte Gesichter oder auch abgetrennte Gliedmaßen zeigen, appellieren die Macher von Clips an das Gerechtigkeitsgefühl und den Beschützerinstinkt der Rezipienten. Oftmals werden männliche Heranwachsende direkt mit Parolen wie "Wo sind die Löwen? Wo sind die Männer? Wo seid Ihr?" angesprochen. Islamisten wollen so erreichen, dass mehr junge Muslime Verantwortung für die "Glaubensgeschwister" übernehmen und sie beim Kampf unterstützen.

Drastische Bilder: Die Darstellung leidender Kinder soll emotional beeinflussen (Quelle: Facebook; Original unverpixelt)

Darstellungen von schwersten Verbrechen an Menschen werden instrumentalisiert, um zu zeigen, wie grausam und unmenschlich die "Feinde" angeblich vorgehen. Dabei werden zahlreiche Videos im Social Web verbreitet, bei denen Folter- und Exekutionsszenen zu sehen sind. Jugendliche können auf beliebten Plattformen wie Facebook und YouTube mit solchen Videos konfrontiert und negativ beeinflusst werden. Die Gewaltinhalte schockieren und verstören, können aber auch Hassgefühle auf andere Menschengruppen verstärken oder gar hervorrufen.

Terrororganisationen rekrutieren Jugendliche

Bei der Rekrutierung für den militanten Dschihad sind Videos ein zentrales Mittel, um islamistische Ideologie zu verbreiten und zum bewaffneten Kampf gegen "Ungläubige" anzustacheln. Sie zeichnen ein romantisierendes Bild des Krieges und verbreiten Werte wie Brüderlichkeit, Kameradschaft und die Gewissheit, für eine scheinbar gerechte Sache zu kämpfen.

Über deutschsprachige Profile und Kanäle im Social Web sind Propagandavideos terroristischer Organisationen leicht zugänglich. Die Videos sind professionell gestaltet – mit Special-Effects und Animationen erinnern sie an Action-, Kriegs- und Martial-Arts-Filme. Zu sehen sind militärische Operationen wie Bombenanschläge und Feuergefechte, Rekruten beim Training an der Waffe, bei Kampfsport und körperlichen Ertüchtigungen. Insbesondere männlichen Jugendlichen wird ein abenteuerliches Erlebnis in Aussicht gestellt.

Vor allem die Clips des "Islamischen Staats" gleichen teilweise Produktionen aus Hollywood. Der Propagandafilm "Flames of War" preist beispielsweise den militanten Dschihad als spannendes und aktionsgeladenes Abenteuer an. Er ist ähnlich aufgemacht wie ein Dokumentarfilm und zeigt eine reale Massenhinrichtung als erzählerischen Höhepunkt. Ein weiteres Video des "IS" nutzt das bei Jugendlichen sehr beliebte Computerspiel "Grand Theft Auto" als Vorlage und zeigt in gleicher Optik nachgespielte Kriegsgeschehnisse aus der Perspektive eines Dschihadisten. Ziel ist es, Bombenanschläge zu verüben und Menschen zu exekutieren.

Der Propagandafilm "Flames of War" preist den militanten Dschihad als spannendes und actionreiches Abenteuer an. (Quelle: YouTube)

Deutsche Syrienkämpfer steigen zu Idolen auf

Islamisten aus Deutschland nehmen aktiv am Konflikt in Syrien teil und werden für junge deutsche Muslime über Social-Web-Plattformen zu Stars und Vorbildern stilisiert. Einige inszenieren sich per Videobotschaften als "stolze Kämpfer". Ihre Botschaften verbreiten sie in den letzten Jahren über eigene Accounts und Profile vor allem bei Facebook, Twitter und YouTube. In der heimischen Salafisten-Szene erlangen sie dadurch Heldenstatus, dem Vorbild der Dschihadisten soll nachgeeifert werden.

Die Videos gelten in der Szene als Beweise des Mutes und der Opferbereitschaft. Sollten die Dschihadisten bei Kriegshandlungen sterben, erreichen sie als Märtyrer die höchste Stufe im Paradies, so die Propagandabotschaft. Der militante Dschihad wird in den Videobotschaften als "heilige Pflicht" für jeden "wahren" Gläubigen propagiert. Neben der Bagatellisierung der realen Konsequenzen eines Krieges wird dazu aufgerufen, nicht tatenlos zuzusehen, wie die "Glaubensgeschwister" unterdrückt und bekämpft würden, sondern nach Syrien in den Dschihad zu ziehen.

Einige der deutschen Dschihadisten waren vor ihrer Ausreise bereits unter jungen Muslimen bekannt und beliebt. Populärstes Beispiel ist der ehemalige Berliner Gangster-Rapper Denis Cuspert, alias Abu Talha Al Almani. In mehreren Videobotschaften aus Syrien rief er Muslime in Deutschland auf, ihm zu folgen. Cuspert genießt nach wie vor einen hohen Bekanntheitsgrad unter hiesigen Jugendlichen.

"Heilige Pflicht": Deutsche Jihadisten werben aus dem Kriegsgebiet für den bewaffneten Kampf (Quelle: YouTube; Original unverpixelt)

Comics als niedrigschwelliger Zugang

Ein subtiles Beispiel aus der deutschsprachigen Salafisten-Szene ist die Comic-Reihe Supermuslim. Darin kämpft die Hauptfigur, eine Art muslimischer Superman, gegen die Feinde des Islam. Gleichzeitig sieht sie sich mit eigenen Schwächen und persönlichen Problemen konfrontiert und bietet dadurch eine Identifikationsmöglichkeit für junge Menschen. Die auf den ersten Blick harmlos wirkende Serie verbreitet unterschwellig islamistisches Gedankengut, legitimiert Gewalt und lotst über Verlinkungen auf salafistische Webangebote.


Datum:
18.10.2016

Zusammenfassung

Videos sind ein zentrales Propagandainstrument des Islamismus im Internet. Erscheinungsform, Funktion und Thematik variieren stark: Zum einen existieren zahlreiche Rekrutierungsvideos für den bewaffneten Dschihad, Aufnahmen von Hasspredigern sowie Folter- und Hinrichtungsszenen aus Konfliktgebieten. Zum anderen werden auch fiktionale Filme produziert, die eine lebensweltorientierte Ansprache über Alltagsgeschichten und Sympathieträger anwenden. Mit professionell gestalteten und animierten Clips schließen die Extremisten gezielt an den Sehgewohnheiten von Jugendlichen an.