Islamismus

Salafisten nutzen Hip-Hop für Propaganda

Rap-Songs transportieren Ideologie

Musik gilt für islamische Extremisten als Neuerung und Einfluss von Kulturen, die dem "wahren" Islam fremd seien. Eine Ausnahme bilden sogenannte Anasheed (singular: Nasheed), also Acappella-Gesänge mit religiösem Inhalt. Islamistische Rap-Songs existieren nur in sehr geringer Zahl, sind aber geduldet, wenn damit die Ideologie unter Jugendlichen verbreitet werden kann.

Produziert hat sie der Rapper Asadullah, der in die salafistische Szene eingebunden ist. Seine Musikvideos veröffentlicht er im Social Web und sorgt so für leicht aufzunehmende, erkennbar auf Jugendliche ausgerichtete Propaganda. Die Bildsprache der professionell wirkenden Clips orientiert sich an den Sehgewohnheiten Jugendlicher. Rasante Schnitte, Spezialeffekte, teure Autos sind Bestandteile.

Inhaltlich werden islamistische Narrative vermittelt, Konflikte in muslimischen Ländern dabei gekonnt mit dem Erfahrungshorizont von Jugendlichen in Deutschland verknüpft. Individuelle Diskriminierungserfahrungen werden beispielsweise als Resultat des weltweiten Kampfes der "Ungläubigen" gegen den Islam und Muslime erklärt. Für Jugendliche muslimischen Glaubens bieten diese Rap-Videos einen sanften Einstieg in die Welt des Salafismus.

Rap-Songs: Trotz Musikverbot geduldet, wenn sie der Verbreitung der Ideologie dienen. (Quelle: YouTube; Original unverpixelt)

Salafisten bedienen jugendlichen Lifestyle

CDs, aufgemacht in Hip-Hop-Manier mit Titelbildern im Graffiti-Stil, sind ebenfalls Teil salafistischer Agitation. Das in Deutschland verbotene, militante Netzwerk "Tauhid", machte sich die typisch jugendkulturellen Designs für seine Marketingstrategie zunutze. Seine CD "Wacht auf Jugend des Islam" wurde im Internet beworben, auf Veranstaltungen oder an Infoständen in Fußgängerzonen an Jugendliche verteilt und die dokumentierten Aktionen anschließend online präsentiert.

CD-Cover mit Graffiti-Design: Aufmachung zielt auf jugendliche Konsumenten (Quelle: Facebook)

Akteure aus salafistischen Kreisen betreiben Online-Shops, in denen sie den Lifestyle junger Muslime bedienen. Angeboten werden dort beispielsweise eng mit der Hip-Hop-Kultur verknüpfte Kleidungsstücke wie Kapuzenpullover und Baseball-Kappen, die mit religiösen Sprüchen oder Symboliken versehen sind. So können Jugendliche ihre muslimische Identität nach außen tragen, ohne dabei vom Kleidungsstil Gleichaltriger abzuweichen.

Mit diesen niedrigschwelligen Angeboten sollen Jugendliche für die salafistische Erlebniswelt und Ideologie geködert werden. Der extremistische Kontext ist dabei häufig nur für die User erkennbar, die genug über die Symbolik oder ideologischen Hintergründe der Akteure wissen.

Hip-Hop-Fans als Zielgruppe

Islamisten suchen gezielt Anknüpfungspunkte zur jugendlichen Hip-Hop-Welt, um im Netz von möglichst vielen jungen Usern gefunden zu werden. Sie richten beispielsweise ihre Videos direkt an einzelne Rapper, vermeintlich um ihnen Botschaften zu senden oder sie bekehren zu wollen. Eigentliche Adressaten sind jedoch nicht die Rapper, sondern deren Fans.

Werden Rapper explizit im Videotitel beim Namen genannt, erscheint bei einer Suchanfrage nach jenem Rapper in der Trefferliste auch der islamistische Beitrag. Dies steigert die Reichweite der Botschaft und erreicht potenzielle Anhänger. Ein Video mit dem Titel "Pierre Vogel ladet [sic] Rapper Bushido zum Islam ein" erzielte beispielsweise schnell über 150.000 Klicks. Das Spektrum der Botschaften reicht von Einsteigerthemen bis hin zu offenen Aufrufen, sich am militanten Dschihad in Syrien zu beteiligen.

Aufruf zum Dschihad: Deutscher Islamist richtet seine Botschaft an Rapper und erreicht deren Fans (Quelle: YouTube; Original unverpixelt)

Islamistische Botschaften geraten aber auch dann in Hip-Hop-Kreise, wenn ehemalige "Szenegrößen" sich den militanten Salafisten anschließen, wie der Berliner Denis Cuspert. Als IS-Kämpfer im Syrienkrieg propagierte er im Netz den bewaffneten Kampf und publizierte mehrere Videobotschaften, in denen er Muslime in Deutschland dazu aufrief, ihm in den Dschihad nach Syrien zu folgen.

Bei Jugendlichen, denen Cuspert bekannt ist, besteht ein Informationsinteresse, das auch von unpolitischen Hip-Hop-Foren bedient wird. In einigen Fällen wurden Videobotschaften völlig unkritisch auf solchen Plattformen eingebunden. Cusperts Propaganda konnte damit genau die Zielgruppe erreichen, für die sie gedacht war.

Gewalt-Propaganda im Hip-Hop-Kontext: Cuspert erreicht jugendliche Fans mit islamistischen Botschaften (Quelle: brate.to; Original unverpixelt)

Gangster-Rapper als Werbeträger

Viele Rapper nutzen das Social Web, um junge Fans an sich zu binden. Über die gängigen Plattformen werden sie nahbar und interagieren mitunter direkt mit Usern. Lassen sich bekannte Rapper mit Salafisten fotografieren oder filmen, äußern sie sich positiv zu Salafisten oder posten auf ihren eigenen Profilen entsprechende Propaganda, dann erreicht das sehr viele Jugendliche und birgt die Gefahr der negativen Beeinflussung. Denn die Stars der Rapper-Szene haben für viele eine Vorbildfunktion.

Das Facebook-Profil von Farid Bang, einem Rapper aus Düsseldorf, hat beispielsweise fast zwei Millionen Likes. Auf YouTube tritt er nicht nur im Rahmen seiner Musik in Erscheinung: In einem Video ist er gemeinsam mit einer Führungsperson des salafistischen Vereins "Ansaar International e.V." zu sehen und lässt sich für deren Werbeaktion einspannen. Laut Verfassungsschutzbericht 2015 sammelt die Organisation Spenden für Syrien und steht im Verdacht, damit terroristische Gruppierungen zu unterstützen.

Spenden für Extremisten: Rapper lässt sich für salafistische Werbeaktion einspannen und erreicht damit fast 30.000 Klicks (Quelle: YouTube; Original unverpixelt)

Farid Bang bezeichnet in dem Video "Ansaar International" als vertrauenswürdig und verleiht ihm damit unter seinen jugendlichen Fans eine immense Glaubwürdigkeit. So entsteht der Eindruck, die salafistische Gruppierung sei völlig in Ordnung und lediglich Behörden und Medien hätten mit ihr ein Problem. Dass hinter dem politischen Salafismus eine totalitäre Ideologie der Ungleichheit steckt, wird dabei völlig ausgeblendet.

Farid Bang ist in diesem Zusammenhang kein Einzelfall. Auch andere Rapper treten in Videos beispielsweise gemeinsam mit Predigern des gewaltlegitimierenden Netzwerks "Die wahre Religion" (DWR) oder an Koranständen der "Lies"-Kampagne auf, um ihre Unterstützung zu signalisieren.

Gegensätzlich zum positiven Werbeträger werden Rapper mit muslimischem Hintergrund in islamistischer Propaganda häufig auch als schlechte Vorbilder dargestellt, die den falschen Umgang mit Geld, Frauen, Sex, Kriminalität, Alkohol und anderen Drogen proklamierten. Sie seien die Versinnbildlichung "verwestlichter" Muslime, die ihre Religion verrieten und nur materielle Dinge im Sinn hätten. Dies bezieht sich nicht nur auf die Inhalte ihrer Liedtexte, sondern auch auf ihren Lebensstil. In islamistischer Lesart sollten sich Jugendliche daher nicht diese Rapper zum Vorbild nehmen, sondern zum Beispiel Dschihadisten, die als "Löwen" für ihren Glauben kämpften.

Schlechte Vorbilder: Muslimische Rapper (links) werden als "westlich verkommen", Dschihadisten (rechts) als nachahmenswert dargestellt. (Quelle: Facebook; Original unverpixelt)

Datum:
16.10.2016

Zusammenfassung

Hip-Hop wird von Islamisten regelmäßig zu Propagandazwecken und als niedrigschwelliges Angebot der Kontaktaufnahme mit jungen Usern instrumentalisiert. Obwohl Musik nach strenger Auslegung des Islams verboten ist, arbeiten die Extremisten mit Rappern zusammen oder versuchen ihre Online-Propaganda im Umfeld der Musiker zu lancieren. Hip-Hop als Jugendkultur bietet neben der Musik auch Ausdrucksformen wie Graffiti, einen eigenen Kleidungsstil und Sprachduktus. Salafisten imitieren die Styles und Codes der Hip-Hop-Kultur, um für ihre Erlebniswelt zu werben. Für Kinder und Jugendliche bietet sich hier ein niedrigschwelliger Zugang zu islamistischer Propaganda.